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Foto Kaisermanöver Wilhelm II Zigarette Heerführer 1909 Auction number: 0006852023 
End of auction: 12/16/25  at  12:37 PM a o clock    4 d. 4 h. 17 min. 50 sec.  
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Kaisermanöver 1909.

 

Kaiser Wilhelm II. beim Anzünden einer Zigarette.

 

Die Kaisermanöver 1909 fanden vom 13. – 17. September zwischen Aschaffenburg und Schwäbisch Hall im Taubertal statt. Beim bis dahin größten Manöver des Kaiserreichs war ein Viertel (125.000 Mann) des Friedensheeres im Einsatz. Die Oberkommandos lagen in Aschaffenburg und Schwäbisch-Hall. Von dort aus lenkten sie die Truppen, die aus Mainz, Darmstadt, Osterburken, Gemünden und Buchen in die Manöver-Schlachtfelder in der Grafschaft Hohenlohe. Kaiser Wilhelm II. hatte sein Hauptquartier in der Kaserne des II. Bataillons Füsilier-Regiments Nr. 122 in Mergentheim.

 

Großformatiger Original-Fotoabzug aus dem Jahr 1909.

Albuminpapierabzug auf Karton aufgezogen.

 

An der rechten unteren Ecke mit eingeprägter Jahreszahl 1909.

Am unteren Rand und auf der Rückseite mit Fotografen-Aufdruck:

Franz Tellgmann, Hofphotograph Seiner Majestät des Kaisers und Königs, sowie Seiner Majestät des Königs von Dänemark, Mühlhausen in Thüringen. Höchst Anerkennung deutscher Fürsten für Aufnahme deutscher Truppen im Manöver.

 

Größe: 240 x 163 mm.

 

Mit minimalsten Alterungs- und Gebrauchsspuren – Top-Zustand!!!

 

Hervorragende, gestochen scharfe  Bild-Qualität – von äußerster Seltenheit!!!

 

100%-Echtheitsgarantie – kein Repro, kein Nachdruck!!!

Besichtigung jederzeit möglich.

 

100% guarantee of authenticity - not a reproduction, not a reprint!

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Das Angebot wird als Sammlerstück verkauft  - Urheberrechte sind im Kauf ausdrücklich NICHT enthalten!!!

 

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Bücher und Alben sind, wenn nicht ausdrücklich erwähnt, nicht auf Vollständigkeit geprüft. Normale Alters- und Gebrauchsspuren, Unterstreichungen usw. werden nicht erwähnt, sind aber im Preis berücksichtigt.

 

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Ferdinand Tellgmann (1811-1897)

Anbeginn einer Fotografendynastie

Am 24. September des Jahres 1811 erblickt Ferdinand Tellgmann, Sohn des Pächters August Tellgmann, in Bischhausen bei Eschwege das Licht der Welt. Bereits zwei Jahre später ereilt den kleinen Knaben ein harter Schicksalsschlag: Er erkrankt an Scharlach. Diese Infektionserkrankung hat zur Folge, dass die Trommelfelle des Jungen platzen, was das Erlernen der Sprache unmöglich macht. Ferdinand Tellgmann, erst zweijährig, ist von nun an taubstumm und soll es für sein ganzes Leben bleiben.

Fünf Jahre später, 1818, wurde Ferdinand in die Obhut des Pfarrers von Altenburschla gegeben, der sich von nun an um die schulische Ausbildung des Knaben kümmerte. In diesen frühen Schuljahren zeichneten sich bereits die künstlerischen Fähigkeiten des Jungen ab, worauf er 1827 eine Ausbildung an der Kurfürstlichen Kunstakademie in Kassel beginnen dürfte. Während seiner Ausbildung spezialisierte sich Ferdinand Tellgmann im Porträtfach.

Nach dem erfolgreichen Abschluss seines Studiums um 1838/39 zog es den jungen Maler zurück in das Haus der Eltern, die nun in Wanfried wohnten, da der Vater 1829 dort zusätzlich die Stelle des Thurn- und Taxischen Posthalters übernommen hatte. Nun galt es, sich einen Namen als Portraitist zu machen. So war es eine glückliche Fügung, dass er den Auftrag eines Mühlhäuser Bankiers erhielt, dessen Braut zu malen, die in Eschwege lebte. Der Bankier war von der Trefflichkeit des entstandenen Gemäldes derart angetan, dass er den jungen Maler nach Mühlhausen einlud. Kurze Zeit später ließ sich Tellgmann in Mühlhausen nieder, was sicherlich durch den Umstand begünstigt wurde, dass er hier als Portraitist und Kunstmaler vorerst konkurrenzlos war. Als Gründungsdatum der Firma F. Tellgmann ist der 3. Juli 1841 übermittelt.

Im Jahre 1843 trat ein bedeutender Wendepunkt in Tellgmanns Laufbahn ein. Er schloss sich dem Kasseler Fotopionier Moses J. Landauer an und erlernte die Geheimnisse des neuen und zugleich erstaunlichen Mediums – der Fotografie. Als einer der ersten Vertreter der Daguerreotypie, einer frühen Form der Fotografie zum Erstellen von Lichtbildern, lenkte Tellgmann damit noch größere Aufmerksamkeit auf sein Atelier in Mühlhausen.

Von nun an sollte es auch in seinem familiären Privatleben bergauf gehen. Im Mühlhäuser „Weißen Haus“ lernt er 1842 bei einem Tanzvergnügen seine spätere Frau Cäcilie Bregazzi kennen, die er am 9. Juli 1843 heiratet. Zu dieser Zeit war bereits der erste Sohn, August (1848-1912), geboren, der später ein Textilgeschäft in Nordhausen führte. Die Familie vergrößerte sich nochmals durch die Geburt der Söhne Franz (23. Januar 1853) und Oscar (20. September 1857).

In den folgenden Jahren wurde die Technik des Fotografierens immer weiter verfeinert und die qualitativ hochwertigen Lichtbilder fanden unter der Bevölkerung einen regen Anklang, was der Familie Tellgmann einen gewissen Wohlstand verschaffte.

Im Jahre 1877 zog sich Ferdinand Tellgmann als Senior aus dem Geschäftsleben zurück und übertrug seinem ältesten Sohn Franz, der ebenfalls die Ausbildung zum Fotografen genossen hatte, die Führung der Mühlhäuser Firma.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ferdinand Tellgmann eine regelrechte „Dynastie“ mit zehn Fotografen begründet (Söhne, Enkel, Schwäger und Neffen). Auch der dritte Sohn, Oscar, stieg in das florierende Geschäft ein, indem er zunächst die Filiale seines Bruders in Eschwege leitete und diese 1883 ganz übernahm. Weitere Zweigstellen konnten später in den Orten Bad Sooden, Nordhausen, Kassel und Bad Hersfeld etabliert werden.

Der Gründer, Ferdinand Tellgmann, starb am 8. April 1897, nachdem er 1891 noch die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Gründungsjubiläum seiner Firma miterleben durfte. Seine Frau Cecilie verstarb sechs Jahre später.

Die Brüder Franz und Oscar avancierten in den folgenden Jahren zu angesehenen Künstlern, die die Bezeichnung „Hof-Photograph“ führen durften. Beide hatten ihr Betätigungsfeld zudem auf die Manöver- und Kriegsfotografie ausgedehnt, was ihnen viele Ehrungen einbrachte. Hierbei ist erwähnenswert, dass sich kein Fotograf der Familie Tellgmann nach dem Bekanntwerden von Hitlers Kriegsplänen an einem weiteren Manöver beteiligte.

In den 1930er Jahren verstarben die Söhne Franz (1933) und Oscar (1936). Franz Tellgmanns Sohn Paul hatte 1930 das Mühlhäuser Stammgeschäft übernommen und führte es noch bis 1950. Danach stellte einer der traditionsreichsten Fotografenbetriebe seine Arbeit ein.

Bedauerlicherweise ist seit dem Ende des 2. Weltkriegs nichts zum Verbleib des gewaltigen Negativarchivs bekannt. Es gilt als verschollen.

Abschließend stellt sich die Frage, was man der Familie Tellgmann heute noch zu verdanken hat? -Als Eichsfelder und besonders als Lengenfelder Einwohner sehr viel. Ferdinand Tellgmann war es, der als einer der ersten Fotografen die kleinen Dörfer bereiste und die eichsfeldische Heimat im Bild festhielt.

So haben wir der Familie Tellgmann u.a. die berühmte Fotografie vom Bau der Eisenbahnbrücke in Lengenfeld unterm Stein zu verdanken, die um 1877 aufgenommen wurde.

Heutzutage begegnet man dem Namen Tellgmann immer wieder auf fotografisch-historischen Dokumenten. Waren es anfangs noch die Portraitfotografien, die einen reißenden Absatz unter der Bevölkerung fanden, so dehnte sich das fotografische Handwerk immer weiter aus. Mit dem Aufkommen der bebilderten Postkarten zu Beginn des vorigen Jahrhunderts konnte das künstlerische Wirken dieser Fotografendynastie bis heute überleben.

Es ist das Anliegen des „HeimatStudios“, diese fotografischen „Glanzstücke“ durch die Veröffentlichung im „Lengenfelder Echo“ und auf dieser Internetseite auch noch für kommende Generationen zu erhalten.

Ein abschließender Dank gilt dem Autor Thomas Wiegand, dessen Werk ein Großteil der vorangegangenen Informationen entnommen ist.

 

Wilhelm II., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Albert Victor von Preußen, (* 27. Januar 1859 in Berlin, Preußen; † 4. Juni 1941 in Doorn, Niederlande) entstammte der Dynastie der Hohenzollern und war von 1888 bis 1918 Deutscher Kaiser und König von Preußen.

 

Einleitung

Die dreißigjährige Regentschaft Wilhelms II. im Deutschen Reich (von 1888 bis 1918) wird als die wilhelminische Epoche bezeichnet. Herausragende Merkmale waren das Streben des Kaisers nach nationalem Prestige und die Versuche, das Reich in den Rang einer Weltmacht zu erheben. Eng verbunden mit diesem Anspruch war die militärische Aufrüstung des Kaiserreichs und die Forcierung der Kolonialpolitik in Afrika und der Südsee. Dies und die Verwicklung des Deutschen Reichs in verschiedene internationale Krisen (zum Beispiel Krügerdepesche 1896, Marokko-Krisen 1905/06 und 1911, Daily-Telegraph-Affäre 1908) führte zu einer Destabilisierung der Außenpolitik.

Die Vorliebe Wilhelms für militärischen Prunk, die sich beispielsweise in zahlreichen Paraden zu den unterschiedlichsten Anlässen ausdrückte, führte auch gesellschaftlich zu einer Überbetonung des Militärs und militärischer Hierarchien bis hinein ins zivile Leben der deutschen Gesellschaft, in der für eine berufliche Laufbahn – nicht nur im Verwaltungsapparat – die Ableistung des Militärdienstes und der militärische Rang eines Menschen von entscheidender Bedeutung war (Militarismus).

Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands während Wilhelms Regentschaft, verbunden mit technologischem, naturwissenschaftlichem und industriellem Fortschritt, begünstigte eine auch vom Kaiser mit getragene allgemein verbreitete Technik- und Fortschrittsgläubigkeit. Innenpolitisch setzte er die für ihre Zeit als modern und fortschrittlich geltende Sozialpolitik Bismarcks fort und erweiterte sie. Er setzte sich für die Abschaffung des Sozialistengesetzes ein und suchte, teilweise erfolglos, den Ausgleich zwischen ethnischen und politischen Minderheiten.

Wilhelm II. wollte sowohl die Innen- als auch Außenpolitik des Reiches wesentlich stärker als sein Großvater Wilhelm I. beeinflussen. Das „persönliche Regiment“ des Kaisers war aber in Wirklichkeit eine von häufig wechselnden Beratern gesteuerte Politik, die die Entscheidungen Wilhelms im Urteil der meisten Historiker oft widersprüchlich und letztlich unberechenbar erscheinen ließen. Wilhelm II. nutzte durch seinen sprunghaften Charakter die Macht, die ihm die Reichsverfassung zugestand, nie konsequent, musste aber immer wieder erleben, dass diejenigen, die ihn zu schwerwiegenden Entscheidungen drängten, sich hinter seinem Rücken versteckten, als sich deren Misserfolg abzeichnete. Die Marokkokrisen oder die Erklärung des unbeschränkten U-Boot-Krieges sind nur zwei Beispiele für Entscheidungen anderer Personen, die den Ruf des Kaisers heute nachhaltig belasten.

Auch war seine Amtszeit von politischen Machtkämpfen zwischen den einzelnen Parteien geprägt, die es den amtierenden Kanzlern nur schwer möglich machten, längerfristig im Amt zu bleiben. So wurden im Kampf zwischen dem sog. Nationalliberal-Konservativen Kartell, Bülow-Block und Sozialdemokraten fünf von sieben Kanzlern unter kritischem Mitwirken des Parlaments entlassen.

Während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 wurde Wilhelms strategische und taktische Unfähigkeit offenbar. Ab 1916 enthielt er sich zunehmend relevanter politischer Entscheidungen und gab die Führung des Reiches faktisch in die Hände der Obersten Heeresleitung, namentlich in die der Generäle von Hindenburg und Ludendorff, die die Monarchie während der letzten Kriegsjahre mit starken Zügen einer Militärdiktatur versahen. Als Wilhelm II. sich nach Ende des „großen Kriegs” in Folge der Novemberrevolution, die zum Ende der Monarchie und zur Ausrufung der Republik führte, zur Abdankung und zur Flucht ins Exil nach Holland entschloss, hatte das deutsche Kaiserreich den Krieg verloren. Etwa 10 Millionen Menschen waren auf den Schlachtfeldern gefallen.

Kindheit und Jugend

Wilhelm II. wurde am 27. Januar 1859 in Berlin als ältester Sohn des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen (1831–1888) (vom 9. März bis 15. Juni 1888 Deutscher Kaiser Friedrich III.) und dessen Frau Victoria (1840–1901) geboren und war somit Enkel Kaiser Wilhelms I. (1797–1888) und der englischen Königin Victoria (1819–1901).

Die Geburt Wilhelm des Zweiten war ausgesprochen schwierig, der Prinz kam als Steißgeburt zur Welt und überlebte nur durch das couragierte Eingreifen einer Hebamme, die das leblose Baby ganz gegen das Protokoll mit einem nassen Handtuch schlug. Der linke Arm des Kindes war so verletzt, dass er zeitlebens gelähmt und deutlich kürzer blieb. 101 Salutschüsse verkündeten das freudige Ereignis, eine jubelnde Menschenmenge versammelte sich vor dem Kronprinzenpalais, die Thronfolge im Hause Hohenzollern war gesichert. Keinen gesunden Thronfolger geboren zu haben, empfand Prinzessin Victoria als persönliches Versagen und war nur schwer bereit, die Behinderung des Sohnes zu akzeptieren. Kronprinz Wilhelm erlebte eine Kindheit voll Torturen, nichts blieb unversucht, seine Behinderung zu beheben. Legendär sind Kuren wie das Einnähen des kranken Armes in ein frisch geschlachtetes Kaninchen oder Metallgerüste, die Wilhelm umgeschnallt wurden, um seine Haltung zu verbessern.

Wilhelm, von Geburt an durch diesen verkümmerten Arm behindert, verbrachte laut eigenen Aussagen „eine recht unglückliche Kindheit“. Wie im Hochadel üblich, traten seine Eltern als unmittelbare Erzieher ganz hinter seinem calvinistischen Lehrer Georg Ernst Hinzpeter zurück. Als Siebenjähriger erlebte er den Sieg über Österreich-Ungarn 1866 mit der daraus resultierenden Vorherrschaft Preußens in Deutschland. Mit zehn Jahren, im damals üblichen Kadettenalter, trat er beim 1. Garde-Regiment zu Fuß formell als Leutnant in die preußische Armee ein. Als Zwölfjähriger wurde er mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches nach dem Sieg über Frankreich 1871 auch übernächster Anwärter auf den deutschen Kaiserthron.

Nach dem Abitur am Friedrichsgymnasium in Kassel trat er am 9. Februar 1877 seinen realen Militärdienst bei seinem Regiment (6.Kompagnie, Hauptmann v. Petersdorff) an. 1880 wurde er am 22. März, dem Geburtstag seines Großvaters Kaiser Wilhelm I., zum Hauptmann befördert. Bereits in diesen Jahren bildete sich bei ihm ein Verständnis seiner monarchischen Rolle, das den liberal-konstitutionellen Vorstellungen seiner Eltern zuwiderlief.

Seine folgenden Lebensstationen sind unter dem Aspekt einer Erziehung zum Monarchen zu sehen: Er sollte möglichst vielerlei Erfahrungen sammeln, erhielt aber in keinem Feld, nicht einmal im militärischen, die Chance, sich beruflich solide einzuarbeiten.

Zum Studium begab er sich an die von seinem Urgroßvater gegründete Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er nichtschlagendes Mitglied des Corps Borussia wurde.

1881 heiratete er Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg (22. Oktober 1858–11. April 1921).

Bis 1888 war er dann wechselnden Regimentern zugeordnet, dem 1. Garde-Regiment zu Fuß, dann dem Garde-Husaren-Regiment und dem 1. Garde-Feldartillerie-Regiment, wurde schnell bis zum untersten Generalsrang (Generalmajor) befördert und zuletzt Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade. Der Militärdienst wurde immer wieder durch Beurlaubungen unterbrochen, damit er sich auch soweit möglich mit der zivilen Verwaltung vertraut machen konnte. Sehr gründlich konnte dies nicht geschehen, denn immer mehr Eile war geboten: Sein Großvater stand im höchsten Alter, und sein Vater war mittlerweile todkrank.

Für die Regierungsgeschäfte war dies weniger problematisch, als man vermuten konnte, da bereits seit 1862 Otto von Bismarck, zunächst als preußischer Ministerpräsident, ab 1871 als Reichskanzler die politische Macht fest in seiner Hand konzentriert hatte. Bismarck war nach drei siegreichen Kriegen (1864, 1866, 1870/71) und als Einiger Deutschlands zur stärksten kontinentaleuropäischen Macht ein weltweit respektierter Staatsmann. Wilhelm I. und Friedrich III. hatten ihm gelegentlich opponiert und am Ende stets vertraut. Von diesem Vertrauen hing allerdings nach der Reichsverfassung der Reichskanzler ab, nicht vom Vertrauen des Reichstags. Bismarck baute selbstbewusst darauf, auch den dritten Kaiser lenken zu können.

Das Jahr 1888 ging als Dreikaiserjahr in die Geschichte ein. Nach dem Tode Wilhelms I. am 9. März 1888 regierte Friedrich III. aufgrund seiner bereits fortgeschrittenen Krankheit (Kehlkopfkrebs) nur für 99 Tage (der „99-Tage-Kaiser“). Friedrich III. starb am 15. Juni in Potsdam.

An diese Konstellation hatte der 29-jährige Wilhelm II. bei seinem Amtsantritt anzuknüpfen. Er wünschte, ein Kaiser aller Deutschen zu sein.

Regentschaft und Politik

Soziale Reformen   

„[...], weil die Arbeiter meine Untertanen sind, für die ich zu sorgen habe! Und wenn die Millionäre nicht nachgeben, werde ich meine Truppen zurückziehen und wenn ihre Villen erst in Flammen stehen, werden sie schon klein beigeben!“ (Wilhelm II. zu Otto von Bismarck, als er sich weigerte, Soldaten zur Niederschlagung eines Streiks im Ruhrgebiet zu schicken.)

Dieses Zitat und andere Äußerungen Wilhelms in den ersten Jahren seiner Regentschaft weckten in der Arbeiterschaft zunächst Hoffnungen auf einen sozialen Wandel im Reich.

Die Sozialpolitik lag Wilhelm II. durchaus am Herzen. Allerdings folgten seinen sozialen Reformen keine strukturellen Veränderungen im Reich. Im Gegenteil, er baute seinen politischen Einfluss noch aus und lehnte eine Demokratisierung der Verfassung ab. Preußen behielt das seit Anfang der 1850-er Jahre bestehende undemokratische Dreiklassenwahlrecht, das eine repräsentative Landtagsvertretung verhinderte. Nach wie vor wurde die Regierung nicht vom Reichstag gewählt, sondern vom Kaiser ohne Berücksichtigung der parlamentarischen Verhältnisse bestimmt oder entlassen. Es war dem Kanzler aber auch nicht möglich ohne Mehrheit im Parlament Gesetze zu erlassen oder den Haushalt zu beschließen. Das Parlament war in seiner Macht, als echte Legislative, nicht zu unterschätzen.

Bei alledem forderte Kaiser Wilhelm II. noch während Bismarcks Kanzlerschaft am 178. Geburtstag Friedrichs des Großen in einer Proklamation an sein Volk, mit der Devise: „Je veux être un roi des gueux“ (frz.; zu dt.: „Ich will ein König der armen Leute sein“) das Verbot der Sonntagsarbeit, der Nachtarbeit für Frauen und Kinder, der Frauenarbeit während der letzten Schwangerschaftsmonate sowie die Einschränkung der Arbeit von Kindern unter vierzehn Jahren. Außerdem forderte er bei dem zur Erneuerung anstehenden „Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ („Sozialistengesetz“) die Streichung des Ausweisungsparagraphen, der die Polizei zur Ausweisung „gefährlicher Sozialisten“ aus ihrem Heimatort berechtigte. Reichskanzler Bismarck kommentierte dies als „Humanitätsduselei“ und verweigerte sich dem in seinen Forderungen durch den Reichstag unterstützten Kaiser. Seine Forderungen konnte der junge Kaiser erst mit dem Nachfolger Bismarcks durchführen, Leo von Caprivi. Allerdings war Wilhelm II. bei allen sozialen Ambitionen so wenig ein Freund der Sozialdemokratie, wie Bismarck es gewesen war. Im Gegenteil hoffte er, durch seine Reformen die Sympathien für die trotz der Sozialistengesetze erstarkte Sozialdemokratie zu schwächen und durch die Aufhebung des repressiven Sozialistengesetzes der 1890 von SAP in SPD umbenannten Partei ihren Märtyrerbonus zu nehmen.

Die Sozialdemokraten ihrerseits ließen sich nicht von dem Reformen Wilhelms II. beeindrucken und setzten unter August Bebel aus ihrem antimonarchistischen Selbstverständnis heraus weiter auf Fundamentalopposition. Obwohl sie den Fortschritt der im Arbeitsschutzgesetz zusammengefassten Reformen sahen, stimmten sie im Reichstag dagegen. Sie forderten grundlegende strukturelle Veränderungen wie zum Beispiel eine Verfassungsänderung, Demokratisierung, ein ausgeweitetes Wahlrecht, Vorrang des Parlaments bei politischen Entscheidungen, eine Umstrukturierung des Haushalts, deutliche Senkung der Rüstungsausgaben, Freiheit für die Kolonien und anderes mehr, für den Kaiser unerfüllbare Anliegen, die seinen Hass auf die Sozialdemokratie noch steigerten.

Der Wohlstand der deutschen Arbeiterschaft stieg von Jahr zu Jahr, doch gelang es Wilhelm II. nicht, den Arbeitern in den Städten das Gefühl zu geben, anerkannte Mitglieder der Gesellschaft zu sein, was zu starken Stimmenzuwächsen der Sozialdemokraten im Reichstag und den Landtagen der Länder führte.

Diese Vorgänge ließen in Wilhelm II., der immer noch „ein König der Armen“ sein wollte, das Urteil reifen, dass eine Versöhnung mit den Sozialdemokraten nicht möglich sei. Er rief schließlich in Königsberg „zum Kampf für Religion, Sitte und Ordnung, gegen die Parteien des Umsturzes!“ auf.

Überblick der unter der Herrschaft Wilhelms II. erlassenen sozialen Reformen

1889: Gesetz betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung vom 22. Juni (für Arbeiter)

1890: Aufhebung des Sozialistengesetzes

1890: Gründung von 31 Versicherungsanstalten – Vorläufer der Landesversicherungsanstalten (LVA)

1891: Auszahlung der ersten Renten an dauernd Erwerbsunfähige und an Arbeiter über 70 Jahre

1891: Arbeiterschutzgesetz vom 1. Juni (23. Novelle zur Reichsgewerbeordnung) mit Frauenschutz, eingeschränkter Nachtarbeit, Sonntagsruhe und Kinderschutz

1891: Einführung der staatlichen Gewerbeaufsicht

1891: Zulassung freiwilliger Arbeiterausschüsse in Betrieben

1891: Verbot der Sonntagsarbeit in Industrie und Handwerk

1892: Novellierung des Krankenversicherungsgesetzes mit Erweiterungen der Versicherungspflicht (Ausweitung auf Familienangehörige)

1895: Verbot der Sonntagsarbeit für das Handelsgewerbe.

1899: Invalidenversicherungsgesetz

1901: Förderung des Arbeiterwohnungsbaus

1905: Arbeiterausschüsse werden in Bergbaubetrieben zur Pflicht

1908: Höchstarbeitszeit, keine Nachtarbeit für Frauen und Jugendliche

1911: Reichsversicherungsordnung (RVO)

1911: Einführung der Hinterbliebenenrente

1911: Versicherungsgesetz für Angestellte

1911: Hausarbeitsgesetz (Regelung der Heimarbeit)

1916: Herabsetzung des Rentenalters für Arbeiter von 70 auf 65 Jahre

1916: Herabsetzung des Rentenalters für Frauen auf 60 Jahre

Entlassung Bismarcks und Antritt Caprivis [Bearbeiten]

In der letzten Periode der Regierungszeit Bismarcks hatte das Deutsche Reich einer „Kanzlerdiktatur“ geglichen, dessen politische Ziele nicht die des jungen Kaisers waren. Bismarck wollte Russland als einen starken Verbündeten, Wilhelm II. vertraute auf Österreich-Ungarn. Bismarck wollte den „Kulturkampf“ gegen den politischen Katholizismus fortsetzen, der Kaiser war strikt dagegen. Bismarck wollte das Sozialistengesetz verschärfen, Wilhelm II. wollte es abschaffen: „Ich will meine ersten Regierungsjahre nicht mit dem Blut meiner Untertanen färben!“ Als der Reichskanzler hartnäckig blieb, schickte der Kaiser am Morgen des 17. März 1890 den Chef seines Militärkabinetts, General v. Hahnke, in die Reichskanzlei: Der Kanzler solle am Nachmittag ins Schloss kommen und sein Abschiedsgesuch mitbringen. Dieses wurde ihm am nächsten Morgen aber nur durch einen Boten gebracht.

Am 20. März 1890 entließ Wilhelm II. den Reichskanzler Otto von Bismarck. Bismarck überwand dies nie und sorgte indirekt durch vielfach lancierte Kritik an den „Hintermännern“ der wilhelminischen Politik und durch sein Memoirenwerk Gedanken und Erinnerungen für nachhaltige Kritik an Wilhelm II . (Der dritte Teil der Memoiren, in welchem Bismarck seine Entlassung darstellte, wurde in der Tat wegen extremer politischer Brisanz erst 1919 veröffentlicht, als Deutschland Republik geworden war.)

Aus der Bismarckschen Darstellung geht explizit hervor, wie isoliert er zum Zeitpunkt der Entlassung schon war, dass er nicht einmal bei den Angehörigen seines eigenen Kabinetts Unterstützung fand und dass sein Stellverteter, Karl Heinrich von Boetticher, in seiner Abwesenheit und ohne seine Billigung mit dem Kaiser in dessen Sinne verhandelt hatte. Bismarck wollte das unterbinden und berief sich auf eine (38 Jahre alte) Kabinettsorder, die es den preußischen Ministern untersagte, ohne Billigung des Kanzlers mit dem Souverän zu sprechen.

Damit war für den Kaiser das Maß voll und Bismarck musste „aus Gesundheitsgründen“ sofort zurücktreten.

Der Rücktritt Bismarcks war somit zwar primär innenpolitisch begründet, aber langfristig gesehen vor allem außenpolitisch fatal. Bezeichnenderweise erinnerte man nur in Wien, nicht dagegen in St. Petersburg, sofort und explizit an Bismarcks Verdienste (Brief vom Kaiser Franz Joseph I.).

Als Bismarcks Nachfolger ernannte Wilhelm II. den General Leo von Caprivi (1831–1899). Caprivi wurde vom Kaiser als „Mann der rettenden Tat“ gefeiert und ob seiner Leistungen in den Grafenstand erhoben. Mit Caprivi glaubte Wilhelm II. eine anerkannte Persönlichkeit gefunden zu haben, mit der er seine geplante Politik der inneren Versöhnung sowie das Arbeitsschutzgesetz durchzusetzen hoffte.

Ein wichtiges außenpolitisches Ereignis fiel (quasi „genau passend“) in dieses Jahr des Kanzlerwechsels: Der Rückversicherungsvertrag mit Russland widersprach teilweise den Bedingungen des Dreibundpaktes mit Italien und Österreich-Ungarn. Der Kaiser war gegen ein Verletzen des letztgenannten Paktes, während Bismarck den Rückversicherungsvertrag seinerzeit für unbedingt notwendig gehalten hatte. Jetzt, 1890, ging es um seine Verlängerung. Von der Öffentlichkeit unbemerkt (es handelte sich ohnehin um einen Geheimvertrag), und von Caprivi hingenommen, wurde der auslaufende Rückversicherungsvertrag vom Deutschen Reich bewusst nicht erneuert. In Russland nahm man realistischerweise einen deutschen Kurswechsel an und begann, sich Frankreich anzunähern.

Caprivis Kanzlerzeit war durch entschiedene Englandfreundlichkeit geprägt. Er war in der Innenpolitik einer der Hauptverantwortlichen für den Wandel des Deutschen Reiches von der Agrarwirtschaft zur industriellen Exportwirtschaft. Die in diesem Zeitraum gemachten Reformen erleichterten es, dass Deutschland wenig später Großbritannien überholte und zur Weltwirtschaftsmacht Nr. 1 aufstieg. Das „Made in Germany“ errang zu dieser Zeit den Status einer Garantie für höchste Qualität.

Integrationspolitik

Die turbulente Vereinigung des alten „Deutschen Bundes“ zu einem „Deutschen Reich“ ohne die deutschen Österreicher - die Kleindeutsche Lösung - brachte einige Probleme mit sich. Die rheinländische, süddeutsche und polnische Opposition gegen die preußische Vorherrschaft stützte sich auf ein sich politisierendes katholisches Bürger-, Arbeiter- und Bauerntum. Als Partei des politischen Katholizismus formierte sich das „Zentrum“. Die Versuche Bismarcks, die katholischen Parteien in ihrer Arbeit zu behindern, führte zu Eingriffen in das Leben der Katholiken. Auch die Judenintegration, die es vorher außer in Preußen nur in wenigen anderen Staaten gab, war jung, und der merkliche soziale Aufstieg der jüdischen Bevölkerung nährte Neid und Antisemitismus in der Bevölkerung. In den östlichen Gebieten Preußens, vor allem in der Provinz Posen, gab es eine starke Unterdrückung der polnischen Minderheit, die zu Unruhen und Gefühlen der Ungerechtigkeit führte. Der Kaiser erkannte die Ernsthaftigkeit dieser Probleme und bezeichnete sie als eine seiner Hauptaufgaben.

Am besten gelang die Integrationspolitik mit den Katholiken. Sie waren durch den bismarckschen Kulturkampf benachteiligt und an der Teilnahme am politischen Leben, sowie bei der freien Ausübung ihrer Religion gehindert worden. Schon zu seiner Prinzenzeit war Wilhelm gegen diese Praktiken und befürwortete die Beendigung des Kulturkampfes. Um die Einigkeit zwischen Protestanten und Katholiken im Reich zu verbessern, zahlte das Reich die den Opfern vorenthaltenen Gelder zurück, hob allerdings nicht alle gefassten Beschlüsse und Gesetze dieser Zeit wieder auf.

Die östlichen Provinzen Preußens (Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Schlesien) waren bis zur Vertreibung nach 1945 mehrheitlich von Deutschen bewohnt, minderheitlich von Polen, dazu regional von Kaschuben und Masuren. In der Provinz Posen (Poznan) stellten die Polen die Mehrheit. Seit der Bismarckzeit versuchte der Staat, die hier lebenden Polen zu germanisieren, was allerdings scheiterte und in offenen Protest mündete. Kaiser Wilhelm II. hob viele dieser Repressionen, die vor allem die Sprache des Unterrichts und später auch des Gottesdienstes regelten, auf und erkannte die Polen als eigenes Volk und Minderheit im Deutschen Reich an.

Eine der umstrittensten Bereiche in der Einordnung der politischen Meinung des Kaisers ist seine Beziehung zum Judentum bzw. zum Antisemitismus. Die Historiker gehen hier in den Meinungen weit auseinander, je nachdem welche Quellen sie benutzen.

Bei den Reichstagswahlen 1880 zogen zum ersten Mal mehrere antisemitische Parteien in den Reichstag ein. Mit fünf Abgeordneten bildeten sie die „Fraktion der Antisemiten“. Grund für den gestärkten Antisemitismus waren wohl die „Gründerkrise“ und die als relativ stark empfundenen wirtschaftlichen Erfolge jüdischer Unternehmer. Die Juden waren im 1871 gegründeten Deutschen Reich zum ersten Mal freie und gleiche Bürger: Die Einschränkungen, die sie, von Land zu Land unterschiedlich, teilweise zu Schutzbefohlenen eines Herrschers machten und ihnen wirtschaftliche Beschränkungen auferlegten oder ihnen bestimmte Berufsverbote erteilten, waren aufgehoben. Auch der Dienst beim Militär, in Schulen oder der Justiz stand ihnen jetzt offen.

Als Reaktion auf den Antisemitismus entstanden gesellschaftliche Gruppen, die letzterem entgegenzuwirken versuchten. So bildeten besorgte Christen den Verein zur Abwehr des Antisemitismus, dem neben Heinrich Mann auch der Historiker Theodor Mommsen beitrat.

Im Judentum entwickelten sich neben dem orthodoxen Glauben mehrere Strömungen, teilweise auch mit politischem Hintergrund.

So gab es erstens die assimilierten Juden, die sich taufen ließen und das Christentum als Erfüllung des jüdischen Messias-Glaubens akzeptierten.

Der jüdische so genannte Reform-Glaube (Reformjudentum) lehnte diese Art ab, passte sich aber in seiner Wesensart fast völlig den deutsch-christlichen Traditionen an. Er hielt Gottesdienst am Sonntag, nicht am Sabbat (Samstag), mit deutscher, nicht hebräischer Liturgie, hielt kürzere Gebete mit Orgeluntermalung und verzichtete auf traditionelle Gebetsbekleidung. Kaiser Wilhelm unterstützte diese Art der Religionsausübung sehr und finanzierte den Bau der Reform-Synagoge in der Berliner Fasanenstraße mit, an deren Einweihung er demonstrativ teilnahm.

Eine dritte aufstrebende Richtung war der Zionismus, der die Gründung eines eigenen Judenstaates vorsah. Aus Angst, den Antisemitismus zu bestärken, lehnten die Reformgläubigen auch diese, sehr radikale, ursprüngliche Form des Glaubens ab und strich jegliche Passagen über das gelobte Land aus dem Gottesdienst. Der Kaiser unternahm eine Palästinareise mit Theodor Herzl, dem Begründer des modernen Zionismus in Europa. Auf dieser Reise stiftete er in Jerusalem die Erlöserkirche auf dem Muristangelände. Als Erinnerung an diese Expedition wurde dem Kaiser in Haifa 1982 ein Denkmal gesetzt.

Bei seiner Integrationspolitik kam Kaiser Wilhelm II. der Parlamentarismus im Reich entgegen. Anders als heute gab es keine Fünf-Prozent-Hürde, welche das Entsenden von Abgeordneten aus kleineren Parteien verhinderte. So hatten Dänen (1-2 Abgeordnete), Elsass-Lothringer (8-15 Abgeordnete) und Polen (13-20 Abgeordnete) von 1871 bis zur letzten Wahl 1912 stets ihre Fraktion im Reichstag. Juden organisierten sich nicht in einer eigenen Partei. Dies widersprach ihrem Selbstverständnis, deutsche Staatsbürger zu sein, welches durch lange Tradition besonders in Preußen sehr stark ausgeprägt war. Das Wahlsystem grenzte aber auch politische Minderheiten nicht aus. Dies sorgte dafür, dass sich auch die reichsfeindlichen Welfen, aber vor allem die Antisemiten aus der Christlichsozialen Partei und der Deutschen Reformpartei organisieren konnten. Die Zahl ihrer Abgeordneten überschritt aber nie die Zahl der Abgeordneten aus den Parteien der ethnischen Minderheiten.

Trotz dieser Unterstützung gibt es von Wilhelm II. mehrere Zitate, die einen antisemitischen Klang haben, so: „Ich denke gar nicht daran wegen der paar hundert Juden und der tausend Arbeiter den Thron zu verlassen!“ Ob er allerdings auf die Juden als Kollektiv schimpfte oder einzelne meinte, z.B. die ihn oft kritisch betrachtenden jüdisch geleiteten Zeitungskonzerne, ist unklar. Die Verurteilung der Juden als Volk ist aber unwahrscheinlich, da er in seinem Freundeskreis nie Unterschiede zwischen Deutschen jüdischer oder christlicher Abstammung machte. Der von Antisemiten geprägte und heute noch verwendete Begriff „Kaiserjuden“ verriet allerdings große Missbilligung von Teilen der Bevölkerung an diesen Kontakten.

Wirtschaftspolitik und rüstungspolitische Prioritäten

Caprivi setzte einen weiteren von Bismarck verwehrten Wunsch Wilhelms II. durch, die progressive Einkommenssteuer, die höhere Einkommen stärker belastete: die Miquelsche Einkommensteuerreform von 1891.

Durch die industriefreundliche und exportorientierte Eindämmung des Protektionismus zog sich Caprivi die Feindschaft der im Bund der Landwirte organisierten Grundbesitzer („Ostelbier“, „Junker“) zu, der sehr eng mit der Konservativen Partei verwoben war. Die nach Abschaffung der Schutzzölle wachsenden Agrarexporte der USA bewirkten für sie einen Preisverfall. Durch die Förderung des Einsatzes von Agrarmaschinen konnte man die Verluste zwar teilweise auffangen, erhöhte aber die agrarprotektionistischen Ansprüche der ohnehin unterkapitalisierten und zu Investitionen genötigten Großgrundbesitzer.

1893 löste Wilhelm II. den 1890er Reichstag auf, jetzt, weil der die auch von ihm gewollte Aufrüstung des Heeres abgelehnt hatte. Im darauf folgenden Wahlkampf siegten die Befürworter der wilhelminischen Politik aus der Konservativen und Nationalliberalen Partei. Auch die von Alfred von Tirpitz propagierte Aufrüstung der Kaiserlichen Marine, im Volk populär (vgl. Matrosenanzug), wurde in der Folgezeit von Wilhelm gefördert (1895 Vollendung des heutigen Nord-Ostseekanals, Ausbau der Marinehäfen Kiel und Wilhelmshaven). In diesem Zusammenhang besetzte und pachtete das Deutsche Reich die chinesische Hafenstadt Tsingtao auf 99 Jahre. Wilhelm erkannte trotz seiner Englandfreundlichkeit nicht, dass damit die weltweite Hegemonialmacht Großbritannien aufs Äußerste beunruhigt wurde. Der anhaltende deutsche Kolonialismus – gegen den Bismarck sich noch gewehrt hatte – wurde von ihm nicht als riskant gegenüber den Großmächten England, Frankreich und Japan erkannt und eher gebilligt: 1899 erwarb das Reich die Karolinen, Marianen, Palau und Westsamoa.

Wende in den Reichskanzlerberufungen und außenpolitische Dauerprobleme

1894 wurde Caprivi entlassen. Wilhelm berief erstmals einen Nichtpreußen, den Bayern Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der weder Führungsehrgeiz entwickeln sollte noch entwickelte: 1896 versäumte er, Wilhelm von der Krüger-Depesche abzuhalten, einem Glückwunschtelegramm an die Buren zur Abwehr des britisch inspirierten Jameson Raid, die in Großbritannien mit Empörung aufgenommen und nachhaltig als Abkehr von der englandfreundlichen Politik Caprivis gedeutet wurde.

1900 ersetzte er Hohenlohe durch Graf Bernhard von Bülow, der als Reichskanzler weder die anstehenden innenpolitischen Reformen betrieb noch die sich umgruppierenden außenpolitischen Konstellationen (in Deutschland als Einkreisungspolitik verstanden) zu meistern vermochte. Das Verhältnis zu Frankreich wurde nicht verbessert, England nun auch durch die Flottenpolitik herausgefordert und Russland auf dem Balkan nicht gegen Österreich-Ungarn unterstützt (vgl. dagegen den Rückversicherungsvertrag der Bismarck-Epoche). Wilhelm hatte allerdings bis zur Daily-Telegraph-Affäre und den Eulenburg-Prozessen Vertrauen in Bülow, der sich ihm zudem durch Schmeichelei unentbehrlich machte.

Friedenspolitisch ergriff Wilhelm II. erst 1905 eine Initiative: Zwecks Wiederannäherung an Russland, das gerade seinen Krieg gegen Japan zu verlieren drohte, schloss er mit Nikolaus II. den Freundschaftsvertrag von Björkö. Frankreich sollte einbezogen werden. Leider wurde aber der deutsch-russische Freundschaftsvertrag schon 1907 von Russland für gegenstandslos erklärt, weil er mit der französisch-russischen Annäherung, die inzwischen stattgefunden hatte, nicht verträglich sei. Diese Annäherung hatte sich ergeben, nachdem Wilhelm II. 1906 in der Ersten Marokkokrise durch seinen Besuch in Tanger Frankreich stark provoziert hatte. Resultat war überdies eine Verschlechterung der Beziehungen zu Japan, das bisher Preußen/Deutschland als wissenschaftlichen und militärischen Lehrmeister angesehen hatte.

1908 wurde Wilhelms Hilflosigkeit durch die Daily-Telegraph-Affäre deutlich: Er beschwerte sich in einem Interview der Zeitung über seine eigene Regierung: sie sei nicht englandfreundlich genug. Bismarck war ein Meister darin gewesen, seine Politik medial zu flankieren (vgl. die Emser Depesche 1870). Bei Wilhelm II. dagegen sollte das Interview und markige Reden die Politik ersetzen. Ein besonders eklatantes Beispiel gab der Kaiser mit der bereits am 27. Juli 1900 in Bremerhaven gehaltenen Hunnenrede. Mit dem Daily Telegraph-Interview fiel er nunmehr der Reichspolitik in den Rücken, knickte angesichts des deutschen Pressesturms ein und versprach, sich künftig zurückzuhalten.

Inzwischen begann die Öffentliche Meinung überhaupt, den Kaiser kritisch zu sehen, und eine Kampagne schadete ihm konkret: Schon 1906 hatte der Journalist Maximilian Harden in seiner Zeitschrift Die Zukunft die Kamarilla um den Kaiser und damit das persönliche Regiment des Kaisers angegriffen. Zu besonders harten Auseinandersetzungen führte seine Enthüllung, dass Philipp von Eulenburg und Hertefeld, ein enger Freund und Berater des Kaisers, homosexuell sei und einen Meineid geleistet habe. Es folgten drei Sensationsprozesse gegen Eulenburg, die trotz „freisprechenden“ Urteils das Ansehen des Kaisers beschädigten.

1909 zerbrach der so genannte Bülowblock, in dem sich die regierungsunterstützenden linksliberalen Parteien, sowie die Nationalliberale und die Konservative Partei zusammengeschlossen hatten. Auslöser war der Versuch Bülows, das preußische Wahlrecht zu reformieren, worauf ihm die im Preußischen Landtag dominierenden Konservativen die Gefolgschaft verweigerten. Sozialdemokraten und Zentrum, die diesen Versuch in seinen Grundsätzen unterstützen, verweigerten trotzdem die Zusammenarbeit mit Bülow. Sie warfen ihm Prinzipienlosigkeit vor, da er erst kurz zuvor in Zusammenarbeit mit den Konservativen neue Repressalien gegen die Polen durchgesetzt hatte. Die Germanisierungspolitik wurde auf Betreiben Kaiser Wilhelms II. beendet. Dass Bülow nun aber, um sich die Loyalität der Konservativen Partei zusichern, die Enteignung von polnischen Gütern erleichterte, ignorierte der Kaiser zunächst, um die stabile Parlamentsmehrheit nicht zu gefährden.

Daraufhin entließ er ihn jedoch und ernannte Theobald von Bethmann Hollweg zum Reichskanzler. Er überließ ihm die Außenpolitik, die aber ihre Ziele - Wiederannäherung an England und Distanzierung von der antirussischen Balkanpolitik Österreich-Ungarns - nicht erreichte. Die antifranzösische Politik wurde 1911 in der zweiten Marokkokrise durch deutschen Interventionismus verschärft (der „Panthersprung nach Agadir“), Heer und Flotte wurden weiter verstärkt. Markante Eingriffe Wilhelms unterblieben. Der Kaiser war zwar Militarist, aber kein Bellizist, er wollte trotz seiner kriegerischen Reden im Grunde keinen Krieg. Er tat aber auch zu wenig, um dies deutlich zu machen.

Insgesamt ist Wilhelms II. Anteil an der deutschen Außenpolitik umstritten. Während John C. G. Röhl in ihm eine wirkungsmächtige Instanz hervorhebt, die in die Politik des Reiches eigenständig eingriff, sieht die Mehrzahl der Historiker wie Wolfgang Mommsen die zivile Reichsleitung im Zentrum der Verantwortung. Unbestreitbar ist, dass der Kaiser nicht als Koordinator zwischen Außen-, Heeres- und Flottenpolitik wirkte. So kam es, dass Reichskanzler, Heeres- und Marineleitung je unterschiedliche Ziele verfolgten, die miteinander nicht verträglich waren: Vor allem der Aufbau der Flotte schuf ein außenpolitisches Problem.

Erster Weltkrieg

1914 in der Julikrise spielte Wilhelm II. eine ambivalente Rolle. Er wollte den Frieden retten und auf der Monarchenebene versuchte er sein Bestes, einen fieberhaften Briefwechsel mit dem russischen Kaiser (Lieber Nicky! – Lieber Willy!), der bei der nunmehr objektiven Kriegsentschlossenheit sämtlicher Kontinental-Großmächte gar nichts bewirkte. Objektiv jedoch steigerte der Kaiser die Kriegsgefahr: Denn er ermächtigte Bethmann Hollweg nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht für dessen aggressive Politik gegen Serbien zu erteilen. Faktisch wurde nach der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien die Außenpolitik von Kaiser und Kanzler dem deutschen Generalstab überlassen: Die Mobilmachung im Russischen Reich erlaubte es nach dessen Urteil dem Deutschen Reich nicht, mit der Kriegserklärung an Russland und Frankreich länger zu warten, da sonst der deutsche Schlieffenplan, bei einem Zweifrontenkrieg erst schnell Frankreich, dann Russland zu schlagen, undurchführbar zu werden drohte. Wilhelm mischte sich in der Folge nicht in militärische Zielsetzungen ein, überließ diese aber nicht verfassungsgemäß dem Reichskabinett, sondern der Obersten Heeresleitung.

Im Verlauf des Ersten Weltkrieges 1914–1918 wurde die Bedeutung des Kaisers immer geringer. Besonders mit der 3. Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und dem dominierenden Ludendorff wurde er 1916–1918 zunehmend von den politisch-militärischen Entscheidungen ausgeschlossen. Jedoch schob die Heeresleitung ihm 1917 die auch im Reich umstrittene Entscheidung über den „uneingeschränkten“ U-Boot-Krieg zu. Er schloss sich – gegen den Rat seines Reichskanzlers – der Meinung der Militärs an und willigte ein, was dann zur Kriegserklärung der USA führte. Diese machten später die Abdankung des Kaisers zur Bedingung für die Eröffnung von Friedensverhandlungen. Ab 1917 hatte Ludendorff eine faktisch diktatorische Position. Auf weitere Reichskanzlerwechsel nahm Wilhelm II. keinen Einfluss, die 1918er Reform der Reichverfassung in Richtung auf eine parlamentarische Monarchie wurde ohne ihn versucht.

Durch den Hungerwinter 1917/18 und das völlige Desaster der Kriegsführung, spätestens nach der gescheiterten Frühjahrsoffensive im Westen 1918, war Wilhelm II. im Reich unhaltbar geworden. Dazu kam die Tatsache, dass der Bevölkerung längst bewusst war, dass ein Friedensschluss unter leidlichen Bedingungen („Selbstbestimmungsrecht der Völker") nur noch von der Abdankung ihres Kaisers abhing, da die USA sich weigerten, Friedensverhandlungen vorher zu beginnen. Am 9. November 1918 gab Reichskanzler Prinz Max von Baden (1867–1929) eigenmächtig und ohne Wilhelms II. Einwilligung dessen (!) Abdankung bekannt. Damit war in Deutschland die Monarchie überall am Ende. Der noch im selben Monat vom Kaiser selbst ausgesprochene Rücktritt (s.u.) war angesichts der Situation zwangsläufig (s. Novemberrevolution).

Die Folgen konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen: Der Sturz der Monarchie ebnete nach Ansicht des späteren britischen Premierministers Sir Winston Churchill den Weg in die Diktatur H., A..

Am 10. November 1918 fuhr der Kaiser aus seinem Hauptquartier in Spa in die Niederlande und erbat (und erhielt) dort Asyl. Besonders enttäuscht war er von Hindenburg, der ihn fallen ließ, des Weiteren wetterte er gegen „das Judengesindel“ (O-Ton Wilhelm). Er dankte offiziell am 28. November 1918 ab, 19 Tage nach Ausrufung der Republik, gab aber nie den Wunsch auf, wieder auf den Thron zurückzukehren.

Text der Abdankungsurkunde:

Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte

an der Krone Preussen und die damit verbundenen Rechte an der

deutschen Kaiserkrone.

Zugleich entbinde ich alle Beamten des Deutschen Reiches

und Preussens sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mann-

schaften der Marine, des Preussischen Heeres und der Truppen

der Bundeskontingente des Treueides, den sie Mir als ihrem

Kaiser, König und Obersten Befehlshaber geleistet haben. Ich

erwarte von ihnen, dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen

Reichs den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland

helfen, das Deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der

Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.

Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unter-

schrift und beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel.

Gegeben Amerongen, den 28. November 1918

Wilhelm

Zeit nach der Abdankung

Exil

Bis 1920 lebte Wilhelm II. in Amerongen, danach bis zu seinem Tod in dem von ihm erworbenen Haus Doorn in den Niederlanden im Exil. 1921 starb seine Frau.

1922 heiratete er die verwitwete Prinzessin Hermine von Schönaich-Carolath, geborene Prinzessin Reuß ä.L. (1887-1947) („Kaiserin“ in seiner Titulatur, amtlich „Prinzessin von Preußen“). Er versammelte Gelehrte zu kulturhistorischen Studien um sich (Doorner Arbeitskreis), verfasste seine Memoiren und weitere Bücher und hielt sich für die Wiederherstellung der Monarchie bereit. Unter anderem durch den H.putsch 1923 sah er sich darin bestätigt, dass nur ein Monarch Ruhe und Ordnung garantieren könne.

Immer wieder äußerte er sich antisemitisch, „Presse, Juden und Mücken“ solle man den Garaus machen, „am besten mit Gas“.

1933 näherte er sich – auch bestärkt durch seine Frau, die im Reich umherreiste – den N. an, von denen er sich die Restauration des Kaiserreichs versprach, was sich trotz zweimaligen Besuchs G.s in Doorn bald als unrealistisch erwies. H. hielt ihn hin.

Als er im November 1938 von dem antijüdischen Pogrom, der „K.nacht“, erfuhr, äußerte er sich entsetzt und hielt es für eine Schande. Bei Besetzung der Niederlande 1940 ließ H. das Anwesen durch die Geheime Feldpolizei abriegeln. Zum deutschen Sieg über Frankreich im Mai erhielt H., A. ein angeblich von Wilhelm II. abgesandtes Glückwunschtelegramm. Darin wurde zwar nicht dem „F.“ H., aber dem Reichskanzler, und vor allem zum „Sieg der deutschen Waffen“ gratuliert. Ob es von Wilhelm II. stammte, wird stark bestritten, sein damaliger Hausminister Wilhelm von Dommes dürfte der Urheber dieses Telegramms gewesen sein.

Tod

Wilhelm II. starb am Morgen des 4. Juni 1941 im Haus Doorn. Seine letzten Worte sind zweifelhaft überliefert: „Ich versinke, ich versinke...“.

Trauerfeiern im Reich wurden verboten. Die NS-Machthaber erlaubten nur einer kleinen Zahl von Personen (dem engeren Familienkreis, einigen ehemaligen Offizieren) die Fahrt in die besetzten Niederlande zur Teilnahme an der Beisetzung. Der Kaiser wurde zunächst in einer Kapelle nahe dem Doorner Torhaus beigesetzt. Sodann wurde sein Sarg in das nach seinen Zeichnungen posthum erbaute Mausoleum im Park von Haus Doorn überführt. Sein selbst gewählter Grabspruch lautet: „Lobet mich nicht, denn ich bedarf keines Lobes; rühmet mich nicht, denn ich bedarf keines Ruhmes; richtet mich nicht, denn ich werde gerichtet.“

Beide Gattinnen ruhen im Antikentempel am Neuen Palais in Potsdam.

Wilhelm II. als Persönlichkeit

Auf Grund von Komplikationen bei seiner Geburt war Wilhelms II. linker Arm um 15 cm kürzer als der rechte und teilweise gelähmt, mit daraus resultierenden Gleichgewichtsstörungen und Haltungsschäden sowie häufigen Schmerzen im linken Ohr. Eine besondere elterliche Zuwendung erfuhr er nicht und dankte es mit einem bleibenden Ressentiment besonders gegen seine Mutter, die ihn selbst wiederum, wie in ihren Briefen deutlich zu lesen, hasste. Schmerzvoll waren die Versuche der Familie, seiner Behinderung entgegen zu wirken. Denn der zukünftige König von Preußen sollte ein „ganzer Mann“ und kein Krüppel sein. So musste er sich als Kleinkind z.B. schmerzhaften Elektroschocktherapien unterziehen. Auch wurde erfolglos versucht, seinen verkümmerten Arm zu strecken. Das beruflich oft erforderliche Reiten fiel ihm daher schwer. Diese unbehebbare Behinderung prägte ihn sehr. Er war gehalten, sie stets als einen Makel zu verbergen. Das Tragen von Uniformen und das Abstützen der linken Hand auf der Waffe war ein Ausweg. Die Behinderung machte ihn vermutlich zu einem Menschen mit Selbstzweifeln und geringem Selbstbewusstsein und einer darauf beruhenden Ichverfangenheit, leichten Kränkbarkeit und ihr zufolge Sprunghaftigkeit. Später dürfte diese auch seine sprichwörtliche Reiselust begünstigt haben. Ob mögliche Neurosen eine ernsthafte seelische Erkrankung unterstellen lassen müssten, ist durchaus strittig. Ob auch eine Anlage zu einer Geisteskrankheit vorlag, noch mehr. Ein schwermütiger Zug wird ihm mitunter attestiert. Der noch heute berühmte Psychiater Emil Kraepelin bezeichnete sogar – auf Grund ferndiagnostisch zugänglicher öffentlicher Quellen – Wilhelms Gemüt als einen „typischen Fall periodischen Gestörtseins“, ein freilich bestrittenes Urteil in Richtung auf eine manisch-depressive Disposition.

Anhaltende Schwierigkeiten waren Wilhelm II. verhasst, deswegen ließ er auch bewährte Freunde und Parteigänger schnell im Stich, so dass eher diplomatisierende Charaktere, wie Bülow und viele Höflinge, seinen Umgang ausmachten und seine Personalauswahl bestimmten. Offiziere, unter denen er sich wohlfühlte, erweiterten sein Urteil wenig, denn sie hatten im Zweifel die politischen Vorurteile ihrer kastenartig abgeschlossenen Berufsgruppe, und auch ihr Stil des Schwadronierens färbte auf ihn ab. Von seiner Persönlichkeit her gesehen behinderten narzisstische Züge seine Einfühlungsgabe und sein Urteil über Andere, wie z.B. über Nikolaus II. von Russland. Seine Taktlosigkeiten waren bekannt. Sie fielen seiner Mitwelt besonders bei seinem Regierungsantritt und bei Bismarcks Entlassung ins Auge, die dieser in seinen Gedanken und Erinnerungen rachsüchtig ausbreitete. Eine diese Handikaps ausbalancierende Welt- und Menschenkenntnis zu erwerben, hatte sein Werdegang ihm nicht erlaubt.

Trotz der Wesensunterschiede zu seinem altpreußisch-schlichten und im Persönlichen bemerkenswert loyalen Großvater Wilhelm I. versuchte Wilhelm II. immer, dessen Regierungsmuster zu folgen. Man kann sein anfängliches Verhältnis zu Caprivi dergestalt deuten, dass er hier ‚seinen eigenen Bismarck‘ gefunden zu haben hoffte. Zum militärischen Oberbefehlshaber ernannte er den Neffen des berühmten Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke („Ich will auch einen Moltke.“), der dann aber aus dem Schatten Alfred von Schlieffens nicht heraus zu treten vermochte. Allerdings wurde die Zurückhaltung seines Großvaters bei direkten politischen Eingriffen keineswegs bleibendes Merkmal des Enkels; wiederholt griff Wilhelm II. durch Personalentscheidungen und Befehle für Gesetzesvorlagen direkt in die Politik ein.

Gar nicht folgte er der öffentlichen Zurückhaltung des alten Kaisers: Selbstdarstellungseifer drängte Wilhelm II. oft repräsentativ in die Öffentlichkeit, wobei eine nicht unbeachtliche Rednergabe ihm Echo einbrachte, aber auch zu politisch bedenklichen Formulierungen verlockte. Auch begünstigte dieser Übereifer sein Verhältnis zu den Massenmedien. Man kann ihn als ersten Medienmonarchen des 20. Jahrhunderts ansehen. Seine Schaustellungen von Uniformen und Orden stimmten im Übrigen zum Protzstil des später nach ihm benannten Wilhelminismus.

Die Künste standen ihm fern, die Literatur lag ihm nicht am Herzen. Eigene Interessen entwickelte er für die Archäologie, seine Korfu-Aufenthalte sind auch davon bestimmt. Außerdem oblag er, wie in Adelskreisen nicht unüblich, begeistert der Jagd, seine Trophäenzahl erfreute ihn (er erlegte rd. 46.000 Tiere); im Exil fällte er gerne Bäume. Bei der Jagd lernte Wilhelm auch seinen später engen Freund Philipp Graf zu Eulenburg kennen, der besonders in den Jahren 1890 bis 1898 zu seinen wichtigsten Beratern zählte.

Desengagement, wenn die Dinge anders liefen, als er wollte, blieb sein Wesenszug. Noch 1918, angesichts der revolutionären Verhältnisse im Reich, emigrierte er sang- und klanglos ins neutrale Ausland. Seine in Holland verfasste Autobiografie mit ihren Rechtfertigungen oder Themenvermeidungen ist ein gutes Zeugnis seiner Urteilsschwächen.

Das Bild Wilhelms II. in der Öffentlichkeit

Wilhelm II. war zunächst sehr populär. Die weniger geschätzten Züge einer Reichseinigung „von oben“ mit Bewahrung alter Machtstrukturen fand in der Kaiserverehrung einen willkommenen Ausgleich. Die weithin monarchistisch gesonnene Presse nahm dies auf, man fand für ihn die Bezeichnungen „Arbeiterkaiser“ und „Friedenskaiser“ (dies geht u. a. auf den Vorschlag von Emanuel Nobel von 1912 zurück, Kaiser Wilhelm II. den von Alfred Nobel gestifteten Friedensnobelpreis zuzusprechen, damals hatte das Deutsche Reich unter seinem Kaisertum 24 Jahre Frieden gehalten). Doch wurde er auch als bedrohlich empfunden (vgl. Ludwig Quiddes als Kritik an Wilhelm II. aufgefasste und vielrezipierte 1894er Studie Caligula zum "Cäsarenwahnsinn“). Zunehmend mischte sich dann Spott hinein: „Der erste war der greise Kaiser, der zweite war der weise Kaiser, der dritte ist der Reisekaiser.“ Auch in der Bezeichnung „Redekaiser“ steckte Kritik. Seine vielerlei Uniformen wurden bewitzelt: „Majestät, im Badezimmer ist ein Rohr geplatzt.“ – „Bringen Sie die Admiralsunifom.“ („Simplicissimus“)

Von den ihn kritisierenden Demokraten, Sozialisten, Katholiken, auch den kritischen Minderheiten (von 1864 her die Dänen, seit 1866 die Hannoveraner, seit 1871 die Elsass-Lothringer, dauerhaft die Polen) wurde ihm zunächst das die öffentliche Meinung beherrschende Bürgertum am gefährlichsten. Bei den Schriftstellern war er nicht angesehen, der ironische Thomas Mann war in seinem Roman Königliche Hoheit noch am mildesten mit einem behinderten und etwas einfältigen Dynasten umgegangen. Direkte Kritik verbot der Paragraph zur „Majestätsbeleidigung“ im Strafgesetzbuch, aber die Witze über ihn wurden immer beißender. Man vergleiche nur das viel positivere Kaiserbild von Franz Joseph in Österreich-Ungarn, der doch viel stärkere innen- und außenpolitische Probleme hatte.

Nach 1918 und seiner Flucht ins Exil überwog die Verachtung, man warf ihm Feigheit vor: Warum ist er nicht an der Spitze seines Heeres kämpfend gefallen? Monarchisten erhofften 1933 mit H.s Machtantritt seine Rückkehr. Da H. nichts dergleichen im Sinne hatte, wurde Wilhelm II. in seinen letzten zehn Lebensjahren immer stärker vergessen, sein Tod blieb überwiegend unbetrauert. Sein öffentliches Ansehen hat sich seither kaum erholt.

Außerhalb Deutschlands war sein Ansehen eher schlechter als in Deutschland. Während des Ersten Weltkrieges war Wilhelm II. oft die symbolische Zielfigur der feindlichen Propaganda.

Familie

Stammbaum

Söhne und Töchter

Friedrich Wilhelm Victor August Ernst (1882-1951) ∞ 1905 Herzogin Cecilie zu Mecklenburg-Schwerin (1886-1954)

Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl (1883–1942) ∞ 1906-1926 Herzogin Sophie Charlotte von Oldenburg (1879-1964)

Adalbert Ferdinand Berengar (1884–1948) ∞ 1914 Prinzessin Adelheid von Sachsen-Meiningen (1891-1971)

August Wilhelm (1887–1949) ∞ 1908-1920 Prinzessin Alexandra von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (1887-1957)

Oskar Karl Gustav Adolf (1888–1958) ∞ 1914 Gräfin Ina Maria von Bassewitz (1888-1973)

Joachim Franz Humbert (1890–1920, Selbstmord) ∞ 1916 Prinzessin Marie Auguste von Anhalt (1898-1983)

Victoria Luise Adelheid Mathilde Charlotte (1892–1980) ∞ 1913 Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg (1887-1953)

Titel und Ränge

Titular

Akademische Titel

(alphabetisch nach Hochschulen)

Dr. iur. utr. h.c. der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin

Dr.-Ing. E.h. der Polytechnischen Hochschule in Berlin

Ehrendoktor der Wissenschaften der Universität Klausenburg

Dr. of Civil Law der Universität Oxford

Ehrendoktor der Rechte der Universität von Pennsylvania

Ehrendoktor der Medizin der Karls-Universität Prag

Militärische Laufbahn

27. Januar 1869: Leutnant im 1. Garderegiment zu Fuß und à la suite des 1. Batl. (Berlin) des 2. Garde-Landwehr-Regiments.

22. März 1876: Oberleutnant

22. März 1880: Hauptmann

16. Oktober 1881: Major

16. September 1885: Oberst und Kommandeur des Garde-Husaren-Regiments

27. Januar 1888: Generalmajor und Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade

15. Juni 1888: Oberster Kriegsherr des deutschen Heeres und Chef der Marine, Chef des 1. Garde-Regiments zu Fuß, des Regiments der Garde du Corps, des Leib-Garde-Husaren-Regiments

13. September 1889: Chef des Königs-Ulanen-Regiment (1. hannoversches) Nr. 13

Chefstellen und andere Ehrenränge

Hier geht es um den Rang des Chefs (in Bayern: Inhaber) von Truppenteilen, dessen Namen diese dann auch oftmals trugen (das militärische Kommando liegt nicht beim „Chef“, sondern bei dem jeweiligen „Kommandeur“). Die Generals- und Admirals-Titel sind ebenfalls als Ehrenränge zu verstehen.

Deutschland

Chef des

1.Garde-Regiments zu Fuß

Regiments der Gardes du Corps

Leib-Garde-Husaren-Regiments

Königs-Ulanen-Regiments (1. Hannoversches) Nr. 13

Königs-Infanterie-Regiments (6. Lothringisches) Nr. 145

Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm I. (2. Ostpreußisches) Nr. 3

Regiments Königs-Jäger zu Pferde Nr. 1

Leib-Kürassier-Regiments Großer Kurfürst (Schlesisches) Nr. 1

1. Leib-Husaren-Regiments Nr. 1

2. Leib-Husaren-Regiments Königin Viktoria von Preußen Nr. 2

Leib-Grenadier-Regiments Friedrich Wilhelm III. (1. Brandenburgisches) Nr. 8

2. Badischen Grenadier-Regiments Kaiser Wilhelm I. Nr. 110

Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116

Königlich Sächsischen 2. Grenadier-Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 101

Königlich Württembergischen Infanterie-Regiments Nr. 120

Königlich Württembergischen Dragoner-Regiments Königin Olga (1. Württembergisches) Nr. 25

Inhaber des

1. Königlich Bayerisches Ulanen-Regiment „Kaiser Wilhelm II., König von Preußen“

Königlich Bayerischen 6. Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm, König von Preußen

Ausland

Inhaber des

K.u.k. Infanterie-Regiments Nr. 34 (Österreich-Ungarn)

K.u.k. Husaren-Regiments Nr. 7 (Österreich-Ungarn)

Chef des

Kaiserlich Russischen St. Petersburger Leib-Garde-Grenadier-Regiments 'König Friedrich Wilhelm III.'

85. Infanterie-Regiments „Wyborg“, (Russland)

13. Husaren-Regiments „Narva“ (Russland)

Königlich Großbritannischen 1. Dragoner-Regiments

Ehrenoberst des

Königlich Portugiesischen 4. Reiter-Regiments

Königlich Spanischen Dragoner-Regiments „Numancia“

Kaiserlich Osmanischer Feldmarschall

Feldmarschall der Kaiserlich-Königlichen Armee Österreich-Ungarns

Königlich Großbritannischer Feldmarschall

Königlich Großbritannischer Ehrenadmiral der Flotte

Königlich schwedischer Flaggenadmiral

Königlich norwegischer Ehrenadmiral

Königlich dänischer Ehrenadmiral

Admiral der Kaiserlich russischen Flotte

Ehrenadmiral der Kgl. griechischen Flotte

Sonstige (nichtmilitärische) Ränge und Orden

Auswahl

Neuntes Oberhaupt und neunter Souverän und Meister des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler

Protektor des Johanniterordens

Ritter des Hosenbandordens (Vereinigtes Königreich)

Ritter des St.Andreasordens (Russland)

Ritter des Annunciaten-Ordens (Italien)

Ritter des Elefanten-Ordens (Dänemark)

Ritter des St.-Hubertus-Ordens

Ritter des Seraphinenordens (Schweden)

Ritter des Löwen-Ordens (Norwegen)

Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies (Spanien)

Ehrenbailli und Großkreuz des Souveränen Malteserordens

 

Als Visitenkartenporträt (auch Visitenkartenfoto, Visit oder Carte de visite, Abkürzung CDV) bezeichnet man Fotos und Porträtfotografien, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts im standardisierten Format von 5,5 × 9 cm auf Karton aufgezogen wurden – sie hatten demnach etwa die Größe einer heutigen Visitenkarte. Diese wurden häufig zwischen Freunden und Familienangehörigen ausgetauscht und in speziellen Alben gesammelt.

Das Verfahren wurde 1854 von André Adolphe-Eugène Disdéri patentiert und hielt sich danach noch knapp bis ins 20. Jahrhundert. Bei den deutschen Studentenverbindungen wurden die Bilder noch bis in die beginnenden 1920er Jahre als Erinnerungsstücke verschenkt.

Geschichte und Entwicklung

Die erste Notiz über die Einführung des Visitportraits (Carte de Visite) findet man in der französischen Zeitschrift La Lumiere vom 28. Oktober 1854 wo es heißt: „Eine originelle Idee hatten E. Dellesert und Graf Aguado bezüglich der Verwendung kleiner Portraits. Bis jetzt trugen die Visitkarten Namen, Adresse und zuweilen den Titel der Personen, welche sie vorstellten. Weshalb sollte man nicht den Namen durch das Bildnis ersetzen können?“

Nach einer anderen Version soll der Herzog von Parma als Erfinder der Carte de Visite gelten. Er hatte 1857 den Einfall sich auf seine Visitenkarte ein Photo zu kleben.

Aufschwung bekam die Visitkartenphotographie durch den Pariser Photographen und „Erfinder“ des Visitenkartenporträts André Adolphe-Eugène Disdéri, der 1854 auf diese Anwendung des Kollodiumverfahrens in Frankreich ein Patent angemeldet hatte:

Verfahren

Bei den Visitenkartenporträts handelte es sich um auf Karton aufgezogene Papierkopien von Kollodium-Nassplatten-Negativen oder seit 1864 um mit Uran-Kollodium überzogenem Papier. Dieses Wothlytypie Verfahren ermöglichte es direkte Abzüge zu erhalten und auf Papier zu ziehen. Die Kollodium-Nassplatten oder Wothyltypiepapiere wurden mit Spezialkameras belichtet. Dabei wurden nicht kleine Negative vergrößert, die Problematik bestand vielmehr darin, überhaupt ein entsprechend kleines Aufnahmeformat zu erreichen; um 1850 lagen die Plattengrößen zwischen 16,5 × 21,6 cm (6 1/2 × 8 1/2 Zoll, Ganzplatte) und 5,1 × 6,4 cm (2 × 2 1/2 Zoll, Neuntelplatte).

André Adolphe-Eugène Disdéris Spezialkamera verfügte daher über vier Objektive und eine verschiebbare Plattenkassette. Mit Hilfe der Mehrfachoptik konnten auf jeder Hälfte der Glasplatte jeweils vier Belichtungen aufgenommen werden; dann wurde die Platte mit Hilfe der Kassette verschoben, und die nächsten vier Belichtungen konnten auf der zweiten Hälfte festgehalten werden.

Anschließend wurden auf Albuminpapier Abzüge im Negativformat von etwa 8 × 10 Zoll angefertigt, die in das Vistenkartenformat zerschnitten wurden. Der Schneidevorgang konnte bei den Wothlytypien direkt erfolgen. Die einzelnen Mini-Porträts waren dann etwa 5,5 × 9 cm groß und wurden auf Kartons mit Abmessungen von etwa 6,3 × 10 cm montiert.

Popularität

Durch das kleinere Format und die Herstellung gleichzeitig mehrerer Abzüge konnten die Kosten für die Portraitfotografie deutlich reduziert werden. In der Folge entwickelte sich die (Portrait-)Fotografie sehr schnell zu einem enormen Erfolg; allein in England wurden im Zeitraum von 1861 bis 1867 zwischen 300 und 400 Millionen Cartes de visite jährlich hergestellt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es üblich, Visitenkartenporträts zu verschenken und in Fotoalben zu sammeln. Auch von Prominenten wurden Visitenkartenporträts angefertigt und verkauft; so sollen nach dem Tod des britischen Prinzgemahls 70.000 Porträts verkauft worden sein.

Der künstlerische Wert war jedoch häufig vergleichsweise gering:

„Als Porträtaufnahmen hatten die meisten Cartes de visite nur geringen ästhetischen Wert. Man machte keinerlei Versuch, den Charakter des Porträtierten durch eine differenzierte Beleuchtung oder durch Wahl einer bestimmten Körperhaltung oder eines Gesichtsausdrucks zu verdeutlichen“

– Beaumont Newhall, Geschichte der Fotografie, 1998, S. 68.

Heute dagegen sind Visitenkartenporträts wichtige Zeitzeugnisse für Historiker und Soziologen.

Um 1866 wurde neben dem Visitenkartenformat auch die größere Kabinettkarte (auch Cabinet) angeboten.

 

Mit Visitformat oder Carte de Visite (Abkürzung CdV) bezeichnet man eine auf Karton fixierte Fotografie im Format von ca. 6 × 9 cm. Ab ca. 1860 wurde die Carte de Visite sehr populär und trug wesentlich zur Verbreitung der Fotografie bei. Nach 1915 ist sie nur noch sehr vereinzelt zu finden. In der historischen Literatur findet man auch Begriffe wie Visitkarte und Visitkarton, wobei das französische Wort Visite in Verbindung mit einem deutschen Wort verwendet wurde.

Idee

Auf die Frage, wer als erster auf die Idee der Carte de Visite kam, die sich durch ihr kleines Format von den anderen damals gebräuchlichen Fotografien unterschied, sind unterschiedliche Antworten bekannt. Es ist noch nicht lange her, da hielt man den französischen Fotografen André Adolphe-Eugène Disdéri für den Erfinder der Carte de Visite. Die Fotografin Gisèle Freund veröffentlichte 1978:

„… Disdéri erfaßte alle Mängel und erkannte, daß man es im photographischen Gewerbe nur zu etwas bringen konnte, wenn es einem gelänge, den Auftraggeberkreis zu vergrößern und die Porträtaufträge zu steigern. Dies konnte man aber nur, wenn man sich auf die ökonomischen Verhältnisse der Massenschichten umstellte. Und so kam Disdéri auf einen genialen Einfall. Er verkleinerte das Format. Er erfand die Carte de Visite, deren Maß ungefähr unserem heutigen 6 × 9 cm Format entspricht.“

– Gisèle Freund: Photographie und Gesellschaft

Aber es haben sich frühere Hinweise auf das Format finden lassen. Die erste bekannte Erwähnung eines Porträts auf einer Visitenkarte findet sich 1851 in der Ausgabe der französischen Zeitschrift La Lumiere vom 24. August. Dort berichtete der Kunstkritiker Francis Wey, der Mitglied der Société héliographique war, von dem Daguerreotypisten und Fotografen Louis Dodero:

„«Il nous raconte avec bonhomie que s’étant avise de mettre, au lieu de son nom, son portrait sur ses cartes de visite, ce caprice a été goute, a trouve des imitateurs, et, par la, popularise la découverte dans le pays.»“

„In bester Laune erzählte er uns, dass er auf den Gedanken gekommen sei, anstelle seines Namens sein Porträt auf seiner Visitenkarte aufzubringen; diese launige Idee habe Anklang und Nachahmer gefunden und dadurch sei seine Erfindung im Lande populär geworden.“

– Francis Wey: De quelques applications, nouvelles et curieuses de la photographie. … Fantaisies photographiques de M. Dodero.

Dodero war seiner Zeit voraus, als er nachfolgend im Text zitiert wurde: „Wenn es gelänge, dieses Verfahren eines Tages einfacher und günstiger zu gestalten, könnte man es auch für Pässe, Jagdausweise etc. nutzen ....“ Er war der Meinung, eine Fotografie sei besser geeignet jemanden z.B. am Bankschalter zu identifizieren als durch eine Unterschrift und eine „banale“ Beschreibung des Aussehens. Er bildete in seinen Briefen neben seiner Unterschrift sein Porträt ab. Tatsächlich scheint sich niemand für diese Idee begeistert zu haben, denn sie fand keine Nachahmer und geriet daher in Vergessenheit.

Der nächste Hinweis findet sich in der Ausgabe vom 28. Oktober 1854 der La Lumiere. Dort schrieb der Redakteur Ernest Lacan:

„«Une idée originale a fourni à M. E. Delessert: et a M. le comte Aguado l’occasion de faire de délicieux petits portraits. Jusqu'à présent, les cartes de visite ont porte le nom, l’adresse, et quelquefois les titres des personnes qu’elles représentent. Pourquoi ne remplacerait-on pas le nom par le portrait ?»“

„Die Herren E. Delessert und Graf Aguado haben einen originellen Einfall gehabt, bei dem sie reizende kleine Porträts machen. Bis jetzt haben Visitenkarten den Namen, die Adresse und zuweilen den Titel der Person getragen, die sich vorstellte. Warum sollte man nicht den Namen durch das Porträt ersetzen?.“

– Ernest Lacan: Vues et portraits par M. Edouard Delessert.

Die Ideen von Delessert und Aguado dienten weniger dem Nutzen als dem gesellschaftlichen Umgang. Sie stellten sich vor, jeder solle eine Reihe von unterschiedlichen Porträts bei sich tragen. Wenn man zu Besuch komme, dann solle das Porträt (auf der Visitenkarten) „in untadeligen Handschuhen zeigen, den Kopf wie zum Gruß leicht geneigt, den Hut ganz nach der Etikette auf dem rechten Oberschenkel abgelegt“ darstellen. Zum Abschied stellten sie sich ein Porträt vor, „das Sie in Reisekleidung zeigt, die Schirmmütze auf dem Kopf, den Körper in eine Decke gehüllt, die Beine in weiten Fellstiefeln, die Reisetasche in der Hand.“

Kaum vier Wochen nach dieser Veröffentlichung beantragte der geschäftstüchtige André Adolphe-Eugène Disdéri am 27. November 1854 ein Patent auf die Carte de Visite. Erstaunlicherweise begann er erst 3 Jahre später, mit diesem Format zu arbeiten. Und es dauerte insgesamt fünf Jahre, bis es ihm 1859 gelang, von Kaiser Napoleon III. eine Fotografie im Format Carte de Visite anzufertigen, infolgedessen dies Format seine große Popularität erfuhr.

Ein weiteres Zitat zur Carte de Visite findet sich im englischsprachigen Lexikon Haydn’s Dictionary of Dates. Hier ist davon die Rede, dass die erste kleine Fotografie von „M[onsieur] Ferrier“ in Nizza 1857 gemacht worden sei. Der Herzog von Parma habe sein Porträt auf seine Visitenkarte geklebt.

Herstellung

Die Herausforderungen, die Disdéri erkannte, waren die technische Umsetzung des kleinen Formates, die Steigerung der Produktivität und Verringerung der Kosten.

Carte de Visite-Fotografien waren auf Karton aufgezogene Papierkopien von Kollodium-Nassplatten-Negativen und seit 1864 um mit Uran-Kollodium überzogenem Papier. Dieses Wothlytypie-Verfahren ermöglichte es, direkte Abzüge zu erhalten und auf Papier zu ziehen.

Die Kollodium-Nassplatten oder Wothlytypiepapiere wurden mit Spezialkameras belichtet. Dabei wurden nicht kleine Negative vergrößert, die Problematik bestand vielmehr darin, überhaupt ein entsprechend kleines Aufnahmeformat zu erreichen; um 1850 lagen die Plattengrößen zwischen 6 ½ × 8 ½ Zoll = 16,5 × 21,6 cm = Ganzplatte und 2 × 2 ½ Zoll = 5,1 × 6,4 cm = Neuntelplatte.

André Adolphe-Eugène Disdéris Spezialkamera verfügte daher über vier Objektive und eine verschiebbare Plattenkassette. Mit Hilfe der Mehrfachoptik konnten auf jeder Hälfte der Glasplatte jeweils vier Belichtungen aufgenommen werden; dann wurde die Platte mit Hilfe der Kassette verschoben, und die nächsten vier Belichtungen konnten auf der zweiten Hälfte festgehalten werden.

Format

Anschließend wurden auf Albuminpapier Abzüge im Negativformat von etwa 8 × 10 Zoll = 20,3 × 24,5 cm angefertigt, die in 8 Carte de Visite-Formate (6 × 9 cm) zerschnitten wurden. Der Schneidevorgang konnte bei den Wothlytypien direkt erfolgen. Die Fotografie hatte gewöhnlich eine Breite von 54 mm (54 bis 60 mm) und eine Höhe von 92 mm (85 bis 97 mm) und wurde auf einem Karton mit Abmessungen von einer Breite von ca. 65 mm (60 bis 67 mm) und einer Höhe von 105 mm (101 bis 107 mm) montiert.

Karton

Die Kartons, auf denen die Abzüge aufgeklebt waren, wurden u.a. von spezialisierten Herstellern angeboten. Der Verkauf geschah durch den Handel mit photographischen Artikeln. Zu Beginn der Popularität war der Karton minderwertig, ca. 0,4 mm stark und von Hand beschnitten. Die Stärke des Kartons nahm im Lauf der Zeit zu, ca. 0,1 mm pro Jahrzehnt. Dies galt in der Regel für CdV-Formate, bei größeren, die später aufkamen, und damit auch kostspieligeren Formaten war von Beginn an die Stärke ca. 1 mm. Diese Stärke ließ es zu, schräge und farbige Schnittkanten herzustellen. Die Rückseiten wurden mit der Zeit immer aufwendiger gestaltet.

Popularität

Durch das kleinere Format und die rationelle Herstellung mehrerer Abzüge konnten die Kosten für die Porträtfotografie deutlich reduziert werden. Um 1880 entsprach der Preis von 2,50 Mark für sechs Abzüge nur noch dem Tageslohn eines Arbeiters. In der Folge entwickelte sich die (Porträt-)Fotografie sehr schnell zu einem enormen Erfolg; allein in England wurden im Zeitraum von 1861 bis 1867 zwischen 300 und 400 Millionen Cartes de visite jährlich hergestellt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es üblich, Visitenkartenporträts zu verschenken und in Alben zu sammeln. Auch von Prominenten wurden Visitenkartenporträts angefertigt und verkauft; so sollen nach dem Tod des britischen Prinzgemahls 70.000 Porträts verkauft worden sein.

„Als Porträtaufnahmen hatten die meisten Cartes de visite nur geringen ästhetischen Wert. Man machte keinerlei Versuch, den Charakter des Porträtierten durch eine differenzierte Beleuchtung oder durch Wahl einer bestimmten Körperhaltung oder eines Gesichtsausdrucks zu verdeutlichen.“

– Beaumont Newhall, Geschichte der Fotografie, 1998, S. 68

Heute dagegen sind Visitenkartenporträts wichtige Zeitzeugnisse für Historiker und Soziologen.

Um 1866 wurde neben dem Visitenkartenformat auch die größere Kabinettkarte (auch Cabinet) angeboten, doch bleibt das kleine Standardformat das bis zum Ersten Weltkrieg meist verwendete.

Die große Popularität der Visiten- und Kabinettkarten führte auch zur Entwicklung passenden Zubehörs: Bilderrahmen zum Aufstellen oder -hängen, Fotoalben mit entsprechenden Passepartouts, in denen die Bilder eingeschoben werden konnten, wurden in großer Zahl produziert und angeboten.

 

Als Kabinettformat bzw. besser bekannt als Kabinettkarte (auch Cabinetformat oder kurz cabinet, cabinet card; engl. Cabinet Portrait) bezeichnet man in der Fotografie ein um 1866 aufkommendes Format von Abzügen, das größer war als die zuvor kleineren Visitenkartenporträts.

Verfahren

Bei der Kabinettkarte handelte es sich um Albuminpapierabzüge die auf Karton meist im Format 16,5×11,5cm (4¼×6½ bis 4×&5½ Zoll) aufgezogen wurde. Kabinettkarten waren meistens Atelierporträts. Der Kartonrahmen meistens mit einer roten, schwarzen, oder goldenen Farbe umrandet. Der Karton selber war bis etwa 1890 in der Regel farblos, mit zeitgemäßen Verzierungen. Schließlich kamen die ersten farbigen Kartonoberflächen auf, meist in Farben wie dunkelgrün und braun. Ab Mitte der 1890er Jahren wurde das Kabinettformat in beliebigen Größen gefertigt, sowohl ein Fotoabzug auf einem übergroßen Karton als auch beispielsweise ein Abzug auf Karton in der Breite gekürzt.

Geschichte

Als Kabinettformat wurde auch schon seit dem 16. Jahrhundert ein kleinformatiges Porträtbild bezeichnet, mit dem Kabinette ausgeschmückt wurden. Das fotografische Cabinet-Kartenformat wurde erstmals 1862 von den Fotografen George Wharton Simpson (1825–1880) und George Washington Wilson (1823–1893) für Landschaftsaufnahmen genutzt; es verbreitete sich, aus England kommend und durch die Verwendung durch den Londoner Fotografen Frederick Richard Window, ab 1866 auch für Porträtaufnahmen. Nach und nach verdrängte die Kabinettkarte die kleineren Visitenkartenporträts. Anfang des 20. Jahrhunderts verlor das Kabinettformat zugunsten des Postkartenformat jedoch an Popularität und war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges weitgehend vom Markt verschwunden.

 

Kaisermanöver (Deutsches Kaiserreich)

Die Kaisermanöver im Deutschen Kaiserreich stellten für die Zeitgenossen eine Beurteilungsgrundlage über den Kampfwert der deutschen Armee dar. Sie bildete in gleicher Weise die noch heute relevanten Fragen über die militärische Ausbildung, wie sie gleichzeitig Informationen für die politische Geschichtsschreibung bietet.

Geschichte

Obwohl die großen Übungen für die taktische Fortbildung ein nicht zu unterschätzendes Gewicht der innenpolitisch stabilisierenden Art gehabt hatten, waren die Kaisermanöver in den Vorkriegsjahren aufgrund ihrer öffentlichkeitswirksamen Funktion bevorzugter Gegenstand der öffentlichen Kritik.

Bis zum Regierungsantritt Wilhelms II. war eine gewisse Monotonie entstanden, als im regelmäßigem Turnus das V. und VI., das VII. und VIII. Armee-Korps gegeneinander manövrierten. Die Korps kamen so kaum aus ihrer eigenen Provinz heraus. Dennoch empfanden nicht nur die Zuschauer, sondern auch die mitwirkenden Soldaten das Pathos, das von dem Mechanismus der Streitkräfte ausging.

Danach manövrierten das X. gegen das VII. Korps, das VIII. und XI. gegen zwei bayerische Armee-Korps (1897), oder 1903 zwei preußische gegen zwei sächsische Korps.

Außenwirkung

Die neunziger Jahre

Die ausländische Kritik sah in den Manövern jener Zeit Prunkmanöver. Sie vernachlässigten das Erfordernis kriegsmäßiger Übungen und hatten vor allem der Kriegsspielerei des Kaisers zu genügen.

Taktisch unsinnige Bilder des Jahres 1897 fanden in den dichten Schützenentwicklungen des Jahres 1898 ihre Entsprechung, wo, ohne Rücksicht auf die feindliche Waffenentwicklung, Ellenbogen an Ellenbogen gestürmt wurde. 1899 wurde ein massives Armeekorps gegen ein Dorf angesetzt, wobei Wilhelm II. ein Kavalleriekorps gegen die Flanke der feindlichen Aufstellung führte.

Die französischen Beobachter sahen hierin eine Aufgipfelung der aus ihrer Sicht längst überholten Taktik des Massenvorstoßes.

Das neue Jahrhundert

Die begrenzte taktische Evolution wurde 1900 festgestellt. So wurde die Stoßtaktik zwar mit dem Zurücktreten der Kolonnenformationen abgeschwächt, die dichten Schützenlinien dominierten jedoch nach wie vor. Ansätze eines Zusammenwirkens zwischen Infanterie und Artillerie wurden erstmals registriert. Dies war jedoch keine Wende in der deutschen Taktik, da jede Andeutung einer Abkehr vom Massenvorstoß vergangener Tage durch eine Attacke des Kaisers an der Spitze von 59 Eskadronen der Kavallerie am 12. September 1900 zunichtegemacht wurde.

Diese Entwicklung verstärkte sich bis 1904. Zwar deutete die zunehmende Kriegsmäßigkeit und Beachtung technischer Entwicklungen auf die Fähigkeit zu Lernprozessen hin, das taktische Denken in der Praxis gelangte aber nicht über stereotype Wiederholung der Umfassung hinaus.

Der Buren- und der Russisch-Japanische Krieg bedingten Tendenzen der Entrümpelung der deutschen Vorschriften. Fortschritte hinsichtlich der Flexibilität und Anpassung an das Gefecht und das Gelände waren aber, aus Sicht der französischen Kritiker, bis 1906 nicht festzustellen.

Die deutsche Armee befand sich, was das Ausland spätestens im Jahre 1910 erkannte, am Ende des Jahrzehnts in einer Phase der taktischen Stagnation. Der britische Militärkorrespondent Howard Hensman setzte sich mit der Entwicklung der französischen und deutschen Armee auseinander. Für das Zurückfallen der deutschen hinter der französischen Armee machte er nach dem Kaisermanöver 1908 das unveränderte Festhalten an den Lehren Roons und Moltkes verantwortlich. Mit ihnen hatte man den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg erfochten.

Der Unterschied zwischen der deutschen und französischen Militärdoktrin war unüberbrückbar. Der Versuch, französische Methoden zu übernehmen, scheiterte an den eng gezogenen Grenzen theoretischer Weiterentwicklung. Während Artillerie und Kavallerie sich um eine moderne Form bemühte, verblieb die Infanterie in traditionellen Formen und Methoden verhaftet.

Das Kaisermanöver 1911 – die Zäsur

Der Militärkorrespondent der Londoner Times, Oberst Repington, geißelte nach dem Kaisermanöver 1911 dessen Zustand. Er beschrieb den deutschen Infanteristen als machine-made, slow and lacking interest in his work. Während Europa weitergeschritten sei, wäre die deutsche Armee veraltet und stehengeblieben. Gleichwohl lobte er die deutsche Doktrin, obwohl er ihr eine Differenz zwischen dem theoretischen Postulat und der Praxis im Kaisermanöver vorwarf. Es mangele ihr an Individualität und Frische. Seine harte Kritik verletzte das deutsche Selbstgefühl tief.

Ab dem Manöver 1912 sollte eine Veränderung festgestellt werden. Die Infanterie kämpfte geschmeidiger, die Kavallerie neuerdings, ohne die Attacke aus den Augen zu verlieren, zu Fuß und die Artillerie übernahm im Kampf französische Methoden. Die grundlegenden Begriffe von Feuer und Bewegung blieben ihnen allerdings nach wie vor verborgen. Ein überholtes und antiquiertes Salven- und Massenfeuer bestimmte immer noch die Feuertätigkeit. Als gravierend wurde die mangelnde Gefechtsaufklärung der Deutschen empfunden. Es handelte sich um einen Offensivdrang ohne Aufklärung.

Vorbereitung auf den Krieg

Die Fortschritte der Waffengattungen blieben begrenzt. Die Kavallerie hatte sich im Manöver, entsprechend der Theorien Frenchs, zur Heeresvorhut entwickelt. Sie kämpfte jetzt in enger Verbindung mit der Infanterie, worin sich allerdings auch schon die Evolution des deutschen operativ-taktischen Denkens erschöpfte. Deren Weiterentwicklung blieb durch die Doktrin der offensive à outrance auf Modifikationen beschränkt. Die Feuerleitung, ein zentrales Ausbildungsthema, genügte nicht den Anforderungen.

Im Herbst 1913 zeigte das Kaisermanöver aus Sicht der ausländischen Kritik kein grundsätzlich verändertes Bild. Die Truppenpraxis erschien decidely dull, although owing to no fault of there own. Den Führern des Korps wurde keine Initiative überlassen. Der englische General Callwell, der 1913 im Auftrag der Morning Post als Beobachter zu dem Kaisermanöver nach Schlesien entsandt war, charakterisierte die deutsche Taktik als einseitig von der Offensive bestimmt. Es war zu Bildern gekommen, die jeden Glauben an eine deutsche Evolution der Taktik seit 1900 ad absurdum führten. Zu seinen in der Morning Post erschienenen Artikeln erfuhr er, dass der Große Generalstab mit seiner Kritik zufrieden gewesen sei. Anders als die Artikel Repingtons zwei Jahre zuvor gaben seine Artikel keinen Anlass das Zulassungsverbot englischer Berichterstatter zu den Kaisermanövern 1912 zu wiederholen.

Als am 13. September 1913 das Kaisermanöver mit dem Signal: Das Ganze Halt! beendet wurde, ahnte jedoch niemand, dass ziemlich genau ein Jahr später an der Marne der Unbesiegbarkeitsnimbus der deutschen Armee dahin sein sollte.

Innenwirkung

Die Kritik des Auslandes hatte ihre Entsprechungen sowohl in der deutschen Öffentlichkeit, als auch in der Wehrverwaltung, den Stäben und der Truppe. Die unter den Fachleuten des preußischen Kriegsministeriums und des großen Generalstabs in den Analysen der mit ihnen befassten Stabstellen mehrfach diskutiert wurden.

Der Anachronismus der deutschen Taktik im Jahre 1895 fand Ausdruck während des Kaisermanövers. Geschlossene Abteilungen wurden vorgeführt, um den Sturm auf die feindlichen Stellungen auszulösen und anzukündigen. Das Schlagen der Tambours und die Signale "Seitengewehr auf", bzw. "rasch vorwärts" sollten geeignet sein, im modernen Gefecht den Sturmlauf ganzer Bataillone auszulösen. Selbst zu Beginn des Ersten Weltkriegs griffen Regimenter noch mit Schlagen des Tambours an. Obwohl man 1902 nach dem Burenkrieg zum gegenteiligen Ergebnis gekommen war, wurde an mindestens einem Bataillon mit klingendem Spiel festgehalten. An den festgefügten Traditionen der überkommenen Angriffstaktik war festzuhalten.

Das der Kaiser an den theatralischen Bildern der Kaisermanöver nicht unschuldig war, beleuchtete 1903 im Reichstag der sozialdemokratische Abgeordnete Bebel. Vor allem der Masseneinsatz der Kavallerie wurde kritisiert: Wo kommt es in Wirklichkeit vor, dass z. B. die Vereinigung des Höchstkommandierenden auf der einen Seite als Führer eines Armeekorps und auf der anderen Seite zugleich als Kritiker in Frage kommt?

Die Kavallerie war zwar spätestens mit der Erfindung des schnellfeuernden Gewehrs überholt, doch noch 1913 spielten Kavallerie-Regimenter eine wesentliche Rolle bei der Bewilligung der großen Heeresvorlage.

Die Ursache für die ungehinderte Selbstdarstellung Wilhelms II. an der Spitze von Reitermassen war der begrenzte Einfluss des Generalstabschefs Schlieffen auf den Kaiser. Seine schwache Position bildete einen gewichtigen Grund für das Absinken der Kaisermanöver zu bloßen Schaustellungen. Zu Beginn des Jahres 1904 gab Wilhelm II. seiner Geringschätzung des Stabes dadurch Ausdruck, dass er Schlieffen zu veranlassen wünschte, dass er im Laufe des Frühjahrs friedlich aus seiner Stellung scheide.

Dass die Kaisermanöver kein Muster für die kriegsmäßige Darstellung der Gefechtslagen bildeten, lieferte das Schlußbild des Kaisermanövers aus dem Jahre 1902. Die bereits erwähnten Massenangriffe der Kavallerie unter Leitung des Kaisers veranlassten den Grafen Vitzthum zu der Feststellung: Leider sind ja die großen, theatralisch angelegten Reiterangriffe in den letzten Jahren ein Haupterforderniss der Kaisermanöver geworden!

Das Unbehagen angesichts der bestehenden Zustände erreichte im September 1904 seinen Höhepunkt. Des Kaisers Eingriffe in die Anlage und Durchführung des Kaisermanövers waren entscheidend. Er hatte im Verlaufe des Manövers einen Korpsbefehl für das IX. A. K. selbst geschrieben und so über den Kopf des Generalstabschefs und des Kommandierenden Generals (Friedrich von Bock und Polach) hinweg eingegriffen, setzte sich an die Spitze des Garde-Regiments und führte dieses mit entrollten Fahnen zum Angriff.

Jener Vorgang war derart prekär, dass der Chef des Militärkabinetts, Graf Huelsen-Haeseler, gegenüber dem Militärbevollmächtigten äußerte: er sei froh, dass die fremdherrlichen Offiziere erst so spät gekommen seien und dies Alles zum Glück nicht gesehen hätten.

Dieser Entwicklung wurde mit Schlieffens Entlassung Anfang 1906 ein Ende gesetzt. Der neue Generalstabschef Moltke, er stellte einst die Vorteile der Burentaktik gegenüber der althergebrachten heraus, wandte sich von Anfang an gegen solche Erscheinungen und verlangte vom Kaiser künftig strikte Zurückhaltung während der Kaisermanöver.

Kaiserparade und Kaisermanöver (1904)

Kaiserparade

Am Abend des 3. Septembers traf der von der Wildparkstation bei Potsdam kommende Hofzug mit dem Kaiserpaar auf dem Hauptbahnhof von Altona gegen 6 Uhr 30 ein. Nach dem Empfang durch die Spitzen der Militär- und Zivilbehörden wurde das Kaiserpaar zu der im Heuhafen liegenden Hohenzollern geleitet.

Am Abend des 4. Septembers fand im Kaiserhof eine Tafel für die Provinz in Gegenwart ihrer Majestäten statt. Unter den Gästen war u. a. der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein, Kurt von Wilmowsky, der in seiner Rede die Kaiserin darauf hinwies, dass sie sich nun auf heimischen Boden befände. In seiner Gegenrede dankte der Kaiser und gab zudem die Verlobung des Kronprinzen mit Cecilie von Mecklenburg-Schwerin bekannt.

Tags darauf fand die Parade statt. Der Kaiser begab sich der unter der Eskorte des Königs-Ulanen-Regiments (1. Hannoversches) Nr. 13 gefolgt von der Kaiserin, unter der des Kürassier-Regiments Königin (Pommersches) Nr. 2, über die Flottbeker Chaussee zum Exerzierplatz nach Lurup.

Bereits am morgen hatte die Fahnen-Kompanie, 2. Kompanie des Infanterie-Regiments „Herzog von Holstein“ (Holsteinisches) Nr. 85 - der Kaiser gab dem Regiment am 27. Januar 1889 den endgültigen Namen und stellte den Bruder der Kaiserin, Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein, als Ausdruck der Anbindung an das preußische Heer nach außen á la suite des Regiments -, die vom Kaiser am 28. August im Zeughaus von Berlin geweihten Fahnen aus der Wohnung des Kommandierenden Generals, Friedrich von Bock und Polach, abgeholt.

Die Musikkorps spielten, als Gruß an ihren eintreffenden Obersten Kriegsherrn den Präsentiermarsch. Auf Wink des Kaisers ließen die Brigade-Kommandeure die Gewehre präsentieren, worauf die neuen Fahnen ihren Truppenteilen übergeben wurden.

Der Zug der Leibgendamerie eröffnete die Parade. Der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz führte das 89er, die Kaiserin das 91er Regiment sowie ihre Kürassiere vor. Der Höhepunkt der Parade war erreicht, als der Kaiser selbst seine Ulanen und der Herzog von Oldenburg seine Dragoner vorführte.

Die Fahnen sammelten sich nun an der Prinz Albrechtstraße, während die Generale, Regiments- und selbstständigen Bataillonskommandeure zur Kritik befohlen wurden.

Nach deren Ende nahm der Kaiser an der Südseite des Rathauses den Vorbeimarsch der Fahnenkompanie ab.

Von dort säumten über 35 Kriegervereine mit ihren Fahnen und Standarten den Weg des Kaiserpaares zurück zur Hohenzollern.

Am Abend fand im Festsaal des Kaiserhofs die Paradetafel statt. Als Höhepunkt dieser Veranstaltung, bei der die Bürgermeister der drei im Korps vertretenen Hansestädte (Carl Georg Barkhausen, Johann Georg Mönckeberg und Heinrich Klug) vom Kaiser erfuhren, dass die in deren Städten garsonierten Regimenter fortan die Namen Regiment Bremen, Regiment Hamburg und Regiment Lübeck führten.

Um Punkt 9 Uhr begann auf dem aus Anlass der Parade illuminierten Kaiserplatz vor dem Rathaus der Große Zapfenstreich. Je eine Kompanie der 76er (Hamburg) und 31er (Altona) stellten die Fackelträger die unter den Klängen des Yorckschen Marsches den von Osten her auf das Rathaus zukommenden Musikzug Spalier bildeten. Nach mehreren Märschen leitete ein Trommelwirbel gefolgt von acht Schlägen den Großen Zapfenstreich ein.

Nach dem Zapfenstreich der Infanterie und der Kavallerie folgte das Gebet. Die Begleitmannschaften präsentierten ihr Gewehr zu den Klängen der Nationalhymne bevor sie zur Zapfenstreichmelodie den Platz in Richtung des Bahnhofs verließen.

Nachdem das Kaiserpaar am 7. der Nachbarstadt Hamburg, wo sie unter der Führung Albert Ballins die Räumlichkeiten der HAPAG besichtigten, besuchten verließ der Kaiser abends an Bord der Hohenzollern Altona.

Flottenparade

Nachdem der Kaiser auf der Hohenzollern die Flottenparade der vor Helgoland liegenden 22 Schiffe abgenommen hatte, verließ er die Hohenzollern und ging auf die Kaiser Wilhelm II., um dem Manöver beizuwohnen, das vor Cuxhaven an der Elbmündung stattfinden sollte.

Um 3 Uhr des nächsten Morgens war es dann soweit. Die Gefechtsidee war, dass der Feind (England) bereits vor Helgoland wäre und im Begriff sei anzugreifen. Das Manöver endete jedoch schneller als ursprünglich vorgesehen. Eine geplante Landung oder eine Einbeziehung Cuxhavens in den Konflikt wurde nicht ausgeführt. Da der gegnerische Flottenverband deutlichen Vorteil erlangte, erging vom Kaiser der Befehl zum Abbruch des Manövers.

In der anschließenden Kritik drückte der Kaiser allen seine Anerkennung für das Geleistete aus.

Die Hohenzollern fuhr nun, gefolgt von der gesamten Flotte, an Cuxhaven vorbei in den Kaiser-Wilhelm-Kanal nach Kiel.

Nach dem dortigen Paradeessen an Bord der Mars reiste er per Sonderzug von Kiel ins Manövergelände nach Schwerin. Hier nahm er im Schweriner Schloss die Kaiserin in Schloss Wiligrad Wohnung.

Kaisermanöver

Am Morgen des 12. stand das Gardekorps, verstärkt durch die Frankfurter Leibgrenadiere und den zu jener Zeit vom Sohn, Friedrich Heinrich, des Prinzen Albrecht kommandierten Dragoner-Regiment Nr. 2, in einer Linie von Wismar über Schwerin bis Ludwigslust, wogegen das IX., verstärkt durch das Husaren-Regiment Nr. 3 sowie die 37. Infanterie-Brigade und die 19. Feldartillerie-Brigade der 19. Division des X. A. K., sich in einer Linie von Grevesmühlen über Gadebusch nach Wittenburg befand.

Die Verstärkung des IX. sollte auf die Schiffe der in Travemünde weilenden Flotte verladen werden, um an den in den so genannten Großkampftagen des Manövers im Wohlenberger Wiek zu landen und das IX. von dort aus zu verstärken.

Vom 14. bis 16. fanden zwischen dem Garde- (rot) und IX. Armee-Korps (blau) die großen Feldmanöver, bei dem den Roten die Rolle des Feindes zugedacht war, statt.

Prinz Albrecht fungierte hierbei als Oberschiedsrichter.

Um 8 Uhr am Morgen des ersten Tages wurde das Manöver unterbrochen und der Kaiser übernahm die Führung des Gardekorps nahe Goddins. Der „Kampf“ entwickelte sich um Bobitz herum. Wo sich unweit Bobitz' erkennbar an deren Fesselballon die Manöverleitung unter von Schlieffen befand. Gegen 11:15 Uhr wurde mit dem Signal: Das Ganze halt! das Ende des Kampfs, in dem das IX. A. K. hinter die Stepenitz „zurückgeworfen“ worden war, bekanntgegeben.

Da der Kaiser Tags darauf das Korps wechselte, änderte sich auch das „Kriegsglück“. Am dritten Tage war der Kaiser zum Manöverabschluss wieder beim Garde-Korps, welches nun wieder gewann.

Ein Manöverkorrespondent der Lübeckischen Anzeigen, der dessen Augenzeuge war, beobachtete folgendes: ... Trotz dieses anscheinend siegreichen Ausganges für den linken Flügel der blauen Partei, wurde dennoch der Sieg der roten Partei zugesprochen. Es muß wohl die Schlacht auf dem linken Flügel und im Zentrum der roten Partei, auf dem sich der Kaiser befand, den Ausschlag gegeben haben.

Orte der Kaiserparaden

1868 - Groß Rogahn

1873 - Hannover

1875 - Mecklenburg

1876 - Leipzig

1879 - Straßburg

1881 - Kronsberg

1882 - Breslau

1884 - Homburg

1889 - Kronsberg

1890 - Flensburg

1893 - Lauterburg

1894 - Elbing

1895 - Stettin

1896 - Görlitz

1897 - Biebelried

1898 - Hannover

1899 - Stuttgart

1900 - Stettin

1901 - Danzig

1902 - Posen

1903 - Zeithain

1904 - Altona

1907 - Münster

1908 - Karlsruhe

1910 – Devauer Platz bei Königsberg i. Pr.

1912 - Altona

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